One Country/2001 Nummer 1/Text
„Die Erde ist nur ein Land, and al/e Menschen sind seine Barger. “ - Bahdu’l/a’h
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W.n.r.: UNHochkomissarin
Mary Robertson,
Ministerprasident Gciren
Persson, UNGeneralsekretcir
KofiAnnan bei
dem Internationa/en Forum
gegen lnto/eranz I„
in Stockholm im
Januar 2001.
IMPRESSUM
0n: Couumv wird herausgegeben von der Bahá’í internationaICommunity, dieals Nicht-Regierung5>0rganisation bei den Vereinten Nationen die weltweite Bahá’í~Gemeinde représentiert, 0n: Counruv, Office of Public Information,Bahá'ilnternationa|Community, Suite120,866 United Nations Plaza, New York,New York10017,USA, E-Mail:1country@bic.org. Chefredakteur: Brad Pokorny.Chefvom DienstzAnn Boyles.Auslandsredaktionenzchristine Samandari-Hakim (Paris),KongSiew Huar(Macau), Guilda Walker (London).Deutschsprachige Redaktion:PeterAmsIer,Stefan Mutschler,Jens-Uwe Rahe.Freie KorrespondentenzHilde Fanta (Osterreich),5ilvia Fréhlich (Schweiz), Jutta Bayani (Luxemburg).Geschäftsfuhrung: Hartmut Nowotny,Arezu Braun. Übersetzerpool: Lisa Hiemeh Beitrége aus ONE Coumnv können kostenfrei nachgedruckt werden unter AngabederQuelle
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Einzelheft: DM 4,-/SFr4,-/OS 28,~/ LUF 80,-Jahresabonnement: DM15,-/ SFr15,-/OS1oo,-/LUF300,-(incl.MWSt u1Porto),Die Zeitschrift kann beim Bahá’í»Ver|ag,EppsteinerStr,89,65719 Hofheim-Langenhain,bestellt werden Copyright1999 by Bahá’í International Community.lSSN 0945-7062. Gedrucktauf1oo% Recyclingpapier.
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lntemationales Forum „Phobie vor dem Islam
STOCKHOLM.— Scharfe Kritik an der Einwanderungspolitik dereuropäischen Länder hat UN-Generalsekretair Kofi Annan beim „Internationalen Forum gegen Intoleranz“ in Stockholm geUbt. Den europäischen Regierungen hielt Annan vor, mit
A
UNICEF: Lage der Kinder hat sich verbessert
NEW YORK. — Nach Ansicht von UNICEF haben die letzten zehn Jahre fUr Kinder einen„bemerkenswerten Fortschritt„ gebracht. Die UNICEF—Leiterin,Caro| Bellamy,zéh|t die Bekémpfung der Kinderléhmung und die verbesserte Akzeptanz von Kinderrechten zu den Fortschritten. 50 hétten 191 Staaten die UN-Kinderrechtskonvention anerkannt und sie damit zum meist akzeptierten Vertrag der UN gemacht.Auch sank dieTodesrate bei Kindern unterfUanahren seit 1990 um 14 Prozent, angestrebt waren allerdings Überao Prozent.Während der 90er Jahre stieg auch der Anteil der Kinder,die eine Grundschule besuchen,von 8o auf 85 Prozent. Hier lag das Ziel bei1oo Prozent.
Allerdings müssen noch immer 600 Millionen Kinder mit weniger als einem Dollar pro Tag auskommen; mehr als zehn Millionen Kinder unter fUanahren sterbenjedes Jahr zumeist an Krankheiten und Unterernéhrung.
populistischen Maßnahmen die Einwanderungsmöglichkeiten generell durch eine immer schérfere Asylpolitik einzuschrénken. Derallgemeine Eindruck sei, so Annan, dass die derzeit ergriffenen MafSnahmen in einem starken Kontrast zum Reichtum derjeweiligen Lénder stehen. Ahnlich kritisch hatte sich auf der Konferenz zuvor auch die irische UN-Menschenrechtsv beauftragte Mary Robinson geäußert.
Gastgeberdes Forums,der schwedische Premierminister
gegen lntoleranz warnt vor 6
Géren Persson, kUndigte bei dem Treffen von 450 Personen aus 50 Nationen den Aufbau eines „Netzwerkes internationalerSpitzenanwailte“ im Kampfgegen Rassismus und Intoleranzan. Da auch die rassistischen Gewalttciter Über internationale Netzwerke agierten, könne man ihnen nur so begegnen,so Persson zum Abschluss desTreffens. AusdrUcklich genannt wurde in derAbscthsserklärung auch die„Phobie vor dem Islam“ als zu bekämpfende Grundlage von lntoleranz.
Neuer Friedenspreis Für Frauen
NEW YORK. — Der Entwicklungsfondstr Frauen derVereinten Nationen (UNIFEM) und die Londoner Menschenrechtsorganisation International Alert haben im März mit einer neuen Auszeichnung den Beitrag von FrauenfUrden Frieden gewflrdigt. Sie begrflndeten bei der Preisverleihung in New York die Schaffung des neuen Preises damit, dass die Rolle der Frauen fijr den Zusammenhalt der Familien in Kriegen und fUr die Aussbhnung nach den Konflikten vom FriedensnobelpreisKomitee in Oslo weitgehend ignoriert werde.Von den Über 100 Friedensnobelpreistrégem seien zudem nur zehn Frauen.
Als eine der ersten Preistrégerinnen ist die KosovoAlbanerin Flora Brovina,die unter derfrijherenjugoslawischen Regierung wegen UnterstUtzung deralbanischen Separatisten inhaftiert wurde. Die Arztin,die zu den prominentesten politischen Gefangenen in Jugoslawien zählte,wurde im November nach dem Sturz von Président Slobodan Milosevicfreigelassen.
Auch wurden die zwei pakistanischen Schwestern Asma Jahangir und Hina Jilani fUr ihre Arbeit ausgezeichnet.
Flora Brovina: Trdgerin des Millenniums-Friedenspreises fijr Frauen, geboren 1949 in Skenderaj in Serbian, war Journalistin und Kinderdrztin
Sie grUndeten eine Organisation,die misshandelten Frauen bei der Scheidung von ihren Ménnern hilft.
Die vierte Preistrégerin, Veneranda Nzambazamariya aus Ruanda, erhélt die Auszeichnung posthum. Sie leitete einen Dachverband von über 30 Frauenorganisationen, die nach dem Völkermord in ihrem Land 1994 gegrijndet wurden.Nzambazamariya kam im vergangenen Jahr bei einem Flugzeugunglflck ums Leben.Aul3erdem wurden zwei Frauenverbénde aus Kolumbien und Papua-Neuguinea ausgezeichnet
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Am Bodensee soll ein „Weltkloster“ entstehen
RADOLFZELL— In Radolfzell am Bodensee ist die Errichtung eines„Weltk|osters“ geplant, in dem Angehérige verschiedener Religionen gemeinsam in klosterähnlicherGemeinschaft |eben und arbeiten. Das Projekt, das nach Presseangaben aus einer Idee des Radolfzeller Stadtrates und Historikers Christoph Stadler entstand, wird vom Schweizer Theologen Hans KUng und der StiftungWeltethos unterstijtzt. Das Kloster könne ein „spirituelles Zentrum“werden,das offen fUr die Probleme von
Zehn Mal mehr Ausgaben für Riistung als für Entwicklung
BERLIN.- Mitjéihrlich rund 5oo Milliarden US-Dollar wird fUr Rflstungskéufe immer noch fast zehn Mal mehr ausgegeben als die weltweiten Aufwendungen fUr EntwickIungszusammenarbeitausmachen. Dies belegt ein Bericht des Bundesministeriumstrwirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ).
Dem Ministerium zufolge zeigt sich der RUstungsumsatz zwar deutlich geringer als 1989, als wahrend des OstWest-Konfliktes noch 84o Milliarden US—Dollaranfiel.
Aber auch die Ausgaben fUr éfientliche Entwicklungszusammenarbeit seien zwischen 1992 his 1997 kontinuierlich zurijckgegangen und hätten im Jahr1999 insgesamt nur noch 55,9 Milliarden US-Dollarerreicht.
Das Entwicklungsministerium ist derAnsicht,dass eine Begrenzung der Militérausgaben„eineentscheidender Schritt„ sei, um die nötigen finanziellen Freiréume fUr Entwicklung zu schaffen. FUrdie Entwicklung spiele daherder Anteil der RUstungsausgaben in Relation zu seinen Sozialausgaben „eine wesentliche Rolle".
heute sei, sagte KUng gegenüber der Presse.
„Wo einst ein Kapuzinerkloster stand, könne heute ein modernes K|oster,ein sogenanntes Weltkloster,zur Profilierung der Stadt und zur sinnvollen Nutzung des teilweise brach liegenden MayerAreals beitragen“,war die Idee Stadlers zur Radolfzeller
Stadtentwicklung.Bestandteile des Weltklosters sollen eine Akademie,ein Hotel und eine sogenannte Klausursein. Akademie und Hotel sollen Platz fUr Se-minare und Einkehrtage bieten, in der Klausursolle gemeinsam gelebt und gearbeitet werden.
Deutsches Institut Für Menschen rechte gegründet
BERLIN. - Am 8. März wurde in Berlin das Deutsche lnstitut fUr Menschenrechte gegründet. Dies teilte die Vorsitzende derGrUndungsversammlung fijrdas Deutsche Menschenrechtsinstitut und Generalsekretéirin von Amnesty International Deutschland, Barbara Lochbihler, in Berlin mit. Die GrUndung erfolgte auf der Basis des einstimmig von allen Fraktionen getragenen Beschlusses des Deutschen Bundestages vom 7. Dezemberzooo.
Das Konzept fUr das Institut wurde in engerZusammenarbeit mit Vertretern von Nichtregierungsorganisationen und derWissenschaft ausgearbeitet, so Frau Lochbihler. Damit setze Deutschland eine Forderung derVereinten Nationen und des Europarats um, die zur Einrichtung unabhängigernationalerMenschenrechtsinstitutionen aufgerufen haben.
Das Institut solle, so heißt es in einer Mitteilung,a|s „Einrichtung der Zivilgesellschaft politisch unabhängig sein,eigeninitiativ und unabhängig vonjedwedenVorgaben und Weisungen der Bundesregierung und anderen éfientlichen und privaten Stellen" handeln,was auch so in der Satzung festgelegt sei. Das Institut werde demnach im Verhéltnis zu den bereits bestehenden staatlichen und nichtstaatlichen Stellen „eine wichtige Mittler- und Katalysatorfunktion Übernehmen
und deren Arbeit unterstUtzen und vernetzen.„
Neben Information, Dokumentation und anwendungsorientierter Forschung zéhlten Politikberatung, menschenrechtsbezogene Bildungsarbeit in Deutschland und die internationale Zusammenarbeit zu den Aufgaben des Instituts.
DerGrUndungsversammlung gehörten drei Mitglieder des Forum Menschenrechte, zwei Bundestagsabgeordnete, je eine Person aus Wissenschaft,Medien und den internationalen Organisationen sowie ein Vertreter der Bundesregierung an. Das Kuratorium des Vereins setzt sich aus den Mitgliedern der GrUndungsversammlung und zusétzlich aus einerVertreterin des UNHCR,je einem Mitglied des UN-Frauenrechtsausschusses und des UNAusschusses fUrwirtschaftliChe, soziale und kulturelle Rechte sowie einem Vertreter des Beauftragten der BundesregierungfijrAusléinderfragen zusammen. Zum Vorsitzenden desVorstandes wurde BrunoThiesbrummel gewéhlt,derdie Friedrich-Naumann—Stiftung im Forum Menschenrechte vertritt.
Mit der Besetzung der Gremien beginne nun der Aufbau des Instituts, heifSt es.
Deutsches Institut fUr
Menschenrechte
Haus der Demokratie
GreifswalderStr.4
10405 Berlin
EUROPA-MAGAZIN
Mitglieder des Kuratoriums:
12 stimmberechtigte Mitglieder: Friederike Bauer, Frankfurter A/Igemeine Zeitung RudolfBindig, MdB {SPD} Mitg/ied im AusschussfljrMenschenrechte und Humanitfire Hi/fe
Hermann Créhe, MdB (CDU/CSU) Mitglied im Ausschussf Menschenrechte u. Humanitdre Hilfe Prof. Dr. Eckart Klein, Direktor des Menschenrechtszentrums an der Universitdt Potsdam, Mitglied im UN-Menschenrechtsausschuss Anja Klug, Rechtsberaterin UNHCR, Berlin
Barbara Lochbih/er, Forum Menschenrechte (Generalsekretdrin amnesty international) Werner Lottje, Forum Menschenrechte (Diakonisches Werk EKD} Michael Maier—Borst, Vertreter der Beauftragten der Bundesregierung fiirAus/dnderfragen
Prof. Dr. Eibe Riedel, Mannheim; Mitglied im UN-Ausschussfur wirtschafi/iche, sozia/e und kulturelle Rechte
Dr. Hanna-Beate Schbpp-Schilling, Mitglied des UN-Frauenrechtsausschusses (CEDAW) Bruno Thiesbrummel, Forum Menschenrechte {Friedrich Naumann—Stiftung)
Barbara UnmLinig, World Economy, Ecology and Development (WEED), HeinrichBdIl—Stiftung
Vier Mitglieder mit beratender Stimme:
Dirk Brouer, Bundesrat (Land Brandenburg)
AdolfK/oke-Lesch, Bundesministeriumfür Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwick/ung
Gerd Poppe, Auswdrtiges Amt Klaus Stoltenberg, Bundesministerium derjustiz
Mitglieder des Vorstands: Vorsitzender: Bruno Thiesbrummel Ste/Ivertretende Vorsitzende: Barbara Unmtifiig
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\ DEBATTE
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m September 2000 kamen
bei den Vereinten Nationen
fUhrende Politiker aus aller Welt zu ihrem bisher grb Eten Treffen zusammen. Sie unterzeichneten eine Erklärungaufder Grundlage der Werte von Frieden,Gerechtigkeit,G|eichheit und menschlicherWUrde. Dies war ein historisches Ereignis und ein Zeichen großer Hoffnung fUr die Welt.
Vielleicht haben zynische Beobachterden Millenniumsgipfel als„Bijhne fUr Schaufensterreden“gesehen,der nurwenige konkrete und verbindlicheVereinbarungen gebracht habe. Doch das Treffen so vieler Politiker an sich, ihre UnterstUtzung der Vereinten Nationen und derer Prinzipien sowie ihre Betonung allgemeiner SchlUsselwerte wie„Freiheit, Gleichheit,Solidaritét,Toleranz, Achtung der Natur und gemeinsameVerantwortung" machten dieses Ereignis zu einem Meilenstein in der Entwicklung der Menschheit hin zu einerfriedlichen, wohlhabenden und gerechten Zivilisation.
Auch ein begleitendes Treffen, der Millenniumsgipfel fijr Weltfrieden,war ein historisches Ereignis und Zeichen der Hoffnung fUrdie Weltgemeinschaft. Dort waren mehr als tausend religiöse und geistliche FUhrer zusammengekommen und hatten eine ähnliche Erklärung fUr Frieden,To|eranz,Gleichheit und religiöse Freiheit unterzeichnet.
Angesichts einer Iangen Geschichte des Konflikts unter vielen Religionsgemeinschaften und ihren verschiedenen
Der Gipfelmarathor
Zeichen für eim
Sekten mag derErfolg des Religionsgipfels - in vielen Punkten fand er eine gemeinsame Grundlage — Überraschender sein als die Vereinbarungen derpolitischen FUhrer.
Was aus Bahá’í—Sicht bei diesen beiden Veranstaltungen bemerkenswert ist und auch aufdasvorausgehende Millenniumsforum der NGOs zutrifft, ist das M38, in dem die Prinzipien, aufdie man sich versténdigen konnte, mit den Prinzipien des Bahá'iGlaubens Übereinstimmen.
Vor mehr als hundertJahren Iange bevor diese neuen Werte in einer breiten Offentlichkeit zirkulierten — verkUndete Bahá’u’lláh,dass die Menschheit in eine neue Phase ihrer kollektiven EntwickIung eingetreten sei. Diese Entwicklung mUnde in die ErfUllung frijherer Prophezeiungen aller Religionen und werde in ein Zeitalter des Friedens und der Erleuchtung fUhren. Dieses Zeitalter, so Bahá'u’lléh,werde weitgehend von folgenden Prinzipien getragen: Einheit (bzw. wechselseitige Abhéngigkeit) derMenschheit, Gleichberechtigung von Mann und Frau,G|eichberechtigungaller Rassen und ethnischen Gruppen,Abschaffung von ÜberméifSigem Reichtum und Armut,Menscheanrde und Menschenrechte,Notwendigkeit einer internationalen |nstitution,damit alle Nationen in einem kollektiven Sicherheitstndnis vereint sein werden.
Die Ansprachen und Dokumente der drei Millenniumstreffen zeigen,dass die Agenda der sich entwickelnden sozialen Werte und des gemeinsamen Handelns bereits weitgehend von der Welt angenommen worden ist, so wie von Bahá’u'lla’h vorausgesagt.
So haben die Politiker erklärt, dass „die Institution derVereinten Nationen ein unverzichtbares gemeinsames Haus fUr die gesamte Familie der Menschheit ist,durch das wirversuchen werden,unsere globalen Zielevon Frieden, Kooperation und Entwicklung zu erreichen.“
In der Schlusserklarung der Politiker heifSt es:„Wir erkennen an,dass wir zusétzlich zu unseren Verpflichtungen gegenÜber unserenjeweiligen Gesellschaften eine kollektive Verantwortungdanrhaben, die Prinzipien der WUrde des Einzelnen,derGleichberechtigung und der Gerechtigkeit aufder globalen Ebene aufrecht zu erhalten.„
Beim Religionsgipfel erklärten religiöse und geistige Führer,dass„kein Einzelner, keine Gruppe und keine Nation Iéngerals isolierter Mikrokosmos in unserer Welt gegenseitigerAbhéngigkeiten leben kann.Vie|mehr mussjedererkennen,dass jede unserer Handlungen Einfluss hat aufandere und aufdie entstehende globale Gemeinschaft und dass religiöse Traditionen den Kern bilden,von dem die VerwirkliChung eines besseren Lebens
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neue Hoffnung
fUr die Familie der Menschheit und alles Leben aufdieser Erde ausgeht.„
AusdrUcklich erklzarten die religiösen FUhrer auch,dass „Mann und Frau gleichberechtigte Partner in allen Lebensbereichen sind“ - eine Meinung,die geschichtlich gesehen nicht zu den Lehren der meisten Religionen gehbrt hat.
Aufihrem Millenniumsforum erklärten die NGOs,dass„wir alle, in all unsererVerschiedenheit, zu einer Menschheitsfamilie gehbren,dass wir die Erde als eine Heimat betrachten,dass wireine gerechte, sichere und friedvolle Welt teilen wollen und geleitet sind von universal gUltigen Prinzipien wie Demokratie,G|eichberechtigung,Zugehdrigkeit,Freiwilligkeit,gleiche Behandlung und Partizipation aller."
Man könnte natUrlich argumentieren,dass viele dieser Prinzipien weitgehend in der Charta derVereinten Nationen enthalten sind sowie in Dokumenten wie der A||gemeinen Erklärung der Menschenrechte. Gewiss sind beide Dokumente von visionérem Charakter.
Doch was die Millenniumskonferenzen so bedeutsam macht, sind die Entwicklungen und Ereignisse in der Welt im vergangenen Jahrzehnt: Das Ende des Kalten r Krieges,die Ausdehnung de
Fortschritt der Frauen,die sich wiederholenden Siege aufdem Gebiet der Menschenrechte sowie der steigende Wohlstand vieler Menschen in vielen Ländern.
NatUrlich besteht ein Gefélle zwischen de: Gipfelrhetorik und derWirinchkeit in den Tailern darunter, we die Mehrheit der Menschen lebt. Es wird noch einige Zeit dauern, bis alle Menschen wirklich frei sind, bis alle Spannungen zwischen Völkern, religidsen und ethnischen Gruppen verschwunden sind und bis die Armen ausreichend Nahrung,Wasser,ein Dach über dem Kopf und gesundheitliche FUrsorge haben, ganz zu schweigen von einem Hauch von Wohlstand.
Auch an der Friedensfront besteht noch immer das Prinzip „zwei Schritte vorwérts, einen zurUck“. In einigen Krisengebieten schwelen die Konflikte weiter, und in manchen Regionen besteht die Gefahr eines Krieges. Dennoch scheint die Entwicklung hin zu Frieden, Freiheit und Wohlfahrt dominant. Die Unterstfitzung derVereinten Nationen und ihrer Prinzipien durch die Weltfflhreranlésslich des größten Gipfeltreffens aller Zeitenizeigt dies deutlich. “ V (I
355 39% fire
Demokratie, die Integration von V6|kern und Kulturen de Welt, der weitverbreitete
imMillenniunplahr ,
als ineffiziente Methode. Beratung,Schiedsgerichtsverfahren und Vermittlung sind heute die anerkannten Mittel, um Differenzen innerhalb einer Nation oder zwischen den Nationen beizulegen. DarÜber hinaus geht die Verbreitung des Friedens Hand in Hand mit der Betonung von Gerechtigkeit und Entwicklung.
Wir sehen die Proklamationen des Millenniumsgipfels und der begleitenden Treffen als Zeichen großer Hoffnung. Wenn die Ergebnisse in die Entwicklungsprozesse der Welt einbezogen werden, bieten sie die Aussicht, dass die Welt unausweichlich auf ein Zeitalter des Friedens und derWohlfahrt fijr die gesamte Menschheit zusteuert.
1985 schrieb das Universale Haus der Gerechtigkeit,die Körperschaft,die die Angelegenheiten des Bahá’í-Glaubens aufinternationaler Ebene verwaltet, in einer Erklärung mit dem Titel „Die Verheißung des Weltfriedens":
„Der große Friede, aufden Menschen guten Willens Über Jahrhunderte ihre Herzen gerichtet haben, dessen Vision Seher und Dichter zahlloser Generationen zum Ausdruck gebracht und den die heiligen Schriften der Menschheit von Zeitalter zu Zeitalterverheißen haben, ist endlich in Reichweite der Nationen. Erstmals in der Geschichte ist esjedem einzelnen möglich, den gesamten Planeten mit seinerVielzahl verschiedener Völker als Ganzes zu Überblik ken.Weltfriede ist nicht nur
¢m6g|ich,sondern unaus igweichlich. Er ist die néchste “ffiStufe in der Evolution dieses _ Planeten."
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Dr. Albert Lincoln, Generalsekreta'r der BahdilnternationalCommunity, spricht beim WelUriedensgipfe/der Religionen im Plenarsaal der Vereinten Nationen.
Religionen wollen UNO stérken Bekenntnis zur „Einheit in Vielfalt“ beim Weltfriedensgipfel in New York
‘ Etwa eimausmd reli } gidse Flihrcr, die mmd Siebzig N EW YORK Glaubens gemeinschqflen reprci
- sentiertm mad geleleidet
„Dies unterschei def sich vonjedem warm in squrgfarbcne intemligiase" Roben, purpume GeTeffe" "W0" ,0„ wander, weflie Tu rbane Vereinten Natlo- 1
nen sind 95„ "e"- 3 and S(hwarze Somatraler Baden. Das Hen, trqfen sich in der findertdieArtund UN— Vollversammlung Weise des Dia- , , , logs “ 214 zhrem Millenmums Lawrence Sullivan Harvard University
I/I/elyriedemgzpfizl.
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EWYORK.‘ Die
Bilder, die von CNN
und anderen großen Nachrichtenscndern um die Welt gesendet wurden, waren beeindruckend.
Eine Szene von großer Symbolik, zumul an diescm Ort. „Dies unterscheidet sich V011 jedem interreligiösenTreffen zuvor“, so Professor Lawrence Sullivan, Direktor des Zentrums zum Studium der Weltreligionen an der Universitiit Harvard. „chn ein (Sku111cnischesTreffenin einer KirChe, Synagoge oder Moschcc stattfindet, dann ist das kein neutraler Boden.Aber dieVerCintcn Nationen sind ein globaler und neutraler Boden. Das Linden die Art und Weiss des Dialogs.“
Dieser Dialog drehte sich um den Gedanken, es sei für die Religionen derWelt an der Zeit, nicht länger miteinander zu streiten, sondem in einer
Atmosphiire gegenseitigen Respekts und Verstiindnisses in Zusammenarbeit mit weltlichen F‘Lihrc-m bei denVercinten Nationen und anderswo für Frieden, Gercchtigkeit, dds Ende extrelner Armut, Schutz der Umwelt und sozialc Harmonie zu arbeiten.
Keine Kriege mehr im Namen der Religionen
„Die Menschheit steht an einem kritischen Scheideweg ihrer Geschichte, der nach starker ethischer und geistiger Führung verlangt, um der Gescllschaft eine neue Richtung zu geben“, heilit es in der Priiambel der verabschiedeten Erkldrung. „Als rcligiésc und geistigc Führer anerkennen wir unsere besondere Verantwortung fijr das Wohlergehen der
menschlichen Familie und den Weltfrieden.“
Insbesondere verurteilt die Deklaration jegliche Gewaltanwendung im Namen der Religion, fordert Umweltschutz zum Nutzen kiinftiger Generationen, driingt die Religionsgemeinschaftcn dazu, die Glaubensfreiheit Zu respektieren und bekräftigt, „dass Männer und Frauen gleichwertige Partner in allen Aspckten des Lebens sind.“
Eine „Galaxie“ von Religionsführem begegnet sich erstmals von Angesicht zu Angesicht
Der Gipfel wurde V011 einer großen Zahl interreligiöscr Gruppen, Nichtrcgierungsorganisationen und privater Stiftungen organisiert, darunter Ted Turners UN—Foundation BetterWorld, die 600.000 US—Dollar gab. Mit den Worten des früheren UN—Vizegeneralsekretzirs Maurice Strong zog die Veranstaltung geradezu eine „Galaxie von Führern“ aller wichtigen Religionen an, darunter Bahá’í, Buddhismus, Christentum, Hinduismus, lslam, Jainismus, Judentum, Schintoismus, Sikh—Religion und Zoroastrismus sowie Eingeborenen—Réligionen fast a]ler Kontinente,
„Dieses Gipfeltrefien religiöser und geistiger Führer ist eine der begeisterndsten Versammlungen, die hier jemals abgehalten wurden“, erklzirte UN—Generalsekretfir Kofi Annan in einer Grußbotschaft. „Wie auch immer ihreVergangenheit, ihre Beweggriinde und die Meinungsverschiedenheiten unter ihnen sein mögen, ihre Anwesenheit hier bei den Vereinten Nationen zeigt ihr Engagement für unsere weltweite Mission der T016ranz, der Entwicklung und des Friedens.“
Insgesamt waren rund fiinfzig „prominente Führer“ anwesend, wie sie von den Organisatoren bezeichnet wurden. Zusammen mit Hun derten von Delegierten und
Reprisentanten kamen viele von ihnen aus Regionen 111it tiefen religiösen Konflikten wie dem Nahen Osten, Ostasien, dem indischen Subkontinent und Osteuropa.
„Ich war schon bei zahlreiChen weltweiten interheligiésen Treffen dabei. An diesem ist einmalig, dass sich Vic16 Fuhrer erstmals von Angesicht zu Angesicht gegenüber stehen“, sagte der Generalsekretiir des Gipfels, Bawa jain. „Das wird einen Dominocffekt haben. Man wird sehen, wie sich die weltweite interreligiöse Bewegung kiinftig Wirkhch entfaltet,“
Das Ziel: Ein UN-Beirat religiiiser und geistiger Führer
Ein Ziel des Gipfels war die Bildung eines „Internationalen Beirats religiöser und geistiger Führer“, der dieVereinten Nationen und deren Generalsekretiir bei der FriedEnsstiftung unterstützen $0116. Dieser Beirat 30116 Zihnlichc Gremien auf nationaler und regionaler Ebene haben. Sechs Wochen nach dem Gipfel sagte Bawa Jain in einem Interview, dass tatslichlich solche Bcirfite in einer Reihe von Laindern entstiinden, etwa in Indien,]ap311,Siidafrika und Grofibritannien.
Die Organisatoren des Gipfels kzimen allerdings nur langsam bei der Bildung eines solchen Internationalen Bcirats voran. „V0r dem Treffen wurde großer Druck aufmich ausgeiibt, die Bildung des Beirats schon aufdem Gipfel selbst zu verkiinden“, so Bawa jail]. „DOCh ich glaube, wir müssen uns auf einen umfassenden Prozess einlassen. Andemfalls hiitten einige das Gefühl, nicht beteiligt worden zu 56in.“
Bawajain sagte weitcr, dass er nun einen kleinen Ausschuss einsetzen werde, um „Auftrag, Kriterien und Strukturen“ des Internationalen Beirats zu definieren, Jeder Vorschlag wer de an 21116 Delegierten und religiösen Gruppen wcitergelcitet, damit sie Anregungen gcben könnten.
Bedenken einiger UN-Mitgliedsstaaten verhindem bisher einen offiziellen Status
1361 den Vcreinten Nationen ist die Beteiligung der Religionen auBcrhalb des traditionellen bcratenden Status, den religiöse Gruppen als Nichtregicrungsorganisationen habcn, umstritten. Einigc Regicrungen betrachtcn die politische Beteiligung religi6561' Fuhrer bei den UN argwdhnisch, und das Sekretariat der Vereintcn Nationen war daraufbedacht, ihre Bedenken zu berücksichtigen. Obwohl der Gipfel bei den UN 21nghalten wurdc, stellten UNOffizielle und Organisatoren klar, dass es sich nicht um eine offizicllcVeranstaltung der UN handelte, sondern um eine Konferenz von Nicht—UNOrganisational, die bei den UN durchgefijhrt werdcn durfte.
Bawa Jain wurde nuch nicht eingeladcn, :mf dem eigentlichen Millenniumsgipfel zu sprechen, der nur eine WoChe spiiter stattfimd. Er sagte, Vcrschiedcne Regierungen hiitten eine solche Présentation verhindert. Dennoch habe er von Vielen Delegationen Wortc der Unterstiitzung gchbrt. Deshalb plane er, die Bil dung des Internationalen Bci— .
„Dieses Gipjeltreffen religiiiser und geistiger Führer ist eine der begeisterndsten Versammlungen, die hierjemals abgahalten warden. Wie auch immer ihre Vergangenheit gewesen sein M692, ihre Anwesenheit bier zeigt ihr Engagement flit unsere weltweite Mission der
Toleranz. “
KofiAnnan UN—Generalsekreta‘r
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Ted Turner, Gründer von CNN, untersttitzte den WeltgipfelderRe/igionen mit einerSpende von 600.000 Dollar.
Sheikh Ahmed Tijani Ben Omarbeieinem muslimischen Gebetsruf.
Weitere Informationen zum
Millennium-Weltfriedensgipfelder Religionen unter: millenniumworldpeaceorg
„L 7 ONE COUNT
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rats voranzutreiben. Ein solcher Beirat, sagte er, wire „autonom und unabhängig“ und wfirdc sich daraufkonzcntrieren, den UN 2115 Hilfsquellc zur Verfiigung zu stehen. „Wir möchten nicht die Tlitigkeit eincr der anderen interreligiösen Organisationcn übernehmen“, sagte cr. Ziel sei die Stärkung def UN. Wdhrend einige Regierungen fordern, dzlss die UN Abstand zu den Religioncn wahrcn, akchtieren Viclc UN—Organe die Zusammennrbeit mit religiösen Organisationen. So war eine Abordmung von UN—Vertretern fast einmütig bereit, die geistige Dimension der UN und die Notwendigkeit, engcr mit den Religioncn zusammenzuarbeiten, anzuerkennen. Unter ihnen waren Nitin Desai, Vizegeneralsekretlir für Wirtschaftliche und sozialt Angelegenheitcn, Mark Malloch Brown vom Entwicklungsprogramm UNDP und juan Somavia, Gcneraldirektor der Internationalen Arbeitsorganfi sation ILO. „Die nie zuvor erreichte Teilnahme an dieser Vcranstaltung, die Führer aus nahezu 2111611 Glaubensrichtungen und Ecken unserer Welt zusammen gebracht hat, zeigt die außergewéhnliChe chreinstimmung ihrer
Ziele und unsercr eigenen“, sagte Brown.
Gemeinsame Erklärung „Verpflichtung zum Weltfrieden“
Nach Aussage der Organisatoren unterzeichneten fast alle anwesenden religibscn Fuhrer die Hauptdeklaration mit dem Titel „Verpflichtung zum Wcltfrieden“. Diese rfiumt ein, dass religiöser Glaube manchmal dazu missbraucht worden sei, „Spaltung und brenncnde Feindschaft“ hervorzurufen. Gleichzcitig bekrfiftigt die Erklarung, „dass es keinen wahren Frieden geben wird,bcvor nicht alle Gruppen und Gemcinden die kulturclle und religiöse Vielfalt der menschlichen Familie in einem Geiste gegenseitigen Respekts und Vcrständnisses a11erkcmlen.“
„Kein Einzelner, keine Gruppe und keine Nation kann weiter als isolierter Mikrokosmos in unserchelt gegenseitiger Abhängigkeiten leben.Vi€lmehr müssen alle einsehcn, dassjede unscrer Handlungcn Auswirkung hat auf andere und auf die entstehend6 Weltgemeinschaft.“
Die Dcklaration ruft die religiösen Fijhrer auf, „in a]len Individuen und Gemeinden Bin Gefühl für die gemeinsame Verantwortung fijr das Wohlergehen der menschlichen Familie zu wecken.“ Sic solltcn anerkennen, class „3116 menschlichen Wesen — unabhängig von Religion, Rasse, Geschlccht und etlmischer Herkunft — Cin REChI haben auf Bildung, Gesundheitsvorserge und die Méghchkeit, sich sicherc und dauerhafte Lebensumstfinde zu schaflen.“ Ziel sci „die gleichmiifiige Verteilung von Wohlstand in und zwischen den National], die Ausrottung der Armut und die Pflege der ékologischen Systeme.
Erklirungen zu religiiisen Konflikten in einigen Regionen der Welt verabschiedet
Eine Reihe kleinererTreffen am Rande bcschiiftigte sich mit regionalen Fragcn wie den Beziehungen zwischen Juden und Moslems im Nahen Osten Oder zwischen Christen und Hindus in Indien, So verhandclte und unterzeichnete eine Gruppe v01) Führern der Hindus und Christen ein „informelles Arbeitspapier“ zur „Befreiung v01] religiösem Zwang“. Diese Übereinkunft besagt, dass „die freie und großziigigc Verkfindigung des Christlichen Evangeliums in Indien willkommen ist“, verurteilt aber „Zwang“ und insbesondere „die Ausnutzung der Armut bei religidser Mis sionsarbeit“.
Dutch Betonung der Gemeinsamkeiten :u gemeinsamen Aktionen
In ihren Reden behandelten die religiösen Führer auch grundsiitzliche Fragen. Ein wichtiger chanke dabei war, dass die Religionen dann zusammen arbeiten können, wenn sie ihre Gc1n€insan1keiten betonen und zugleich ihre Verschiedenartigkeit respektieren Dr.Albert Lincoln von der Bahá’í International Community riefdieVersammlung auf, fijr eine „we1tweite Gemeinschaft, die zluf Einheit in Vie]falt baut“ zu arbeiten. Dies könne man erreichen, indem man die Kernwcrtc herausfind6, die allen Religionen und geistigen Traditionen gemeinsam seien.
Auch weltliche Redner sagten Ahnliches „Wir sind alle eine Rasse, und es gibt nur einen Gott, der sich auf verschicdeWeise manifestiert“, so der Ehrenvorsitzende des Gipfels, Ted Turner. „A150 ist es unserc Pflicht zusammenzuarbeiten.“ I
Der M 1' llmmmnsglpfel, die groflrc Versan/zmlzmg 1/011 Staats— Ima RegioVlH’ZgSCIILfS, dzeje starrfand, cimgte sidz azgf cine aLgfI/I/ermz basicrena'c Er/elcirlmg zu
Frieda), I/lelstand 14nd Garedmg/eeitflir
dds neuejalzrtatrtserzd.
EW YORK. — Die
Führer fast aller
UN—Mitgliedstaaten trafen sich zu dem historischen Gipfel 1111 September vergangenen jahres in New York; Dort bckriiftigtcn sie die führende R0116 derVereinten Nationen bei der Férderung des wcltweiten Friedens, des Wohlstands und der Gcrechtigkeit. Die Staatsoberhéupter erkla'r ten: „Wir sind cntschlosscn, einen gcrcchten und dauerhaftcn Fricdcn wcltwcit zu sclmffen.“
„Wir erkennen 311, dass wir zusiitzlich zu unserenVcrpflichtungen gegenfibcr demjeweils eigencn Staat eine gemeinsa111eVerantwortung h;1ben,g10bal die Grundsiitze der Menschenwürde, der Gleichberechtigung und Fairness zu unSo hciBt es in der Erkllirung, die am 8. September 2000, dem letzten Tag des Gipfels, verabschiedct wurdt.
terstützen.“
„Als Staatsfiihrer sind wir gegenijber allenVölkern der Erde verpflichtet. Im Besonderen gilt dieses gegenüber den Schwächsten, den Kindern dieser Erde, denen die Zukunft
gchiirt Wir bestiitigcn unserc
Verpflichtung gcgenüber den Zielen und Grundsiitzcn der ( hl1t;1de1Vc‘1einten Nationen die sic} 1 315 zeitlos und weltumfasscnd erwiesen 11at.Tatsache ist, dass ihre Bedcutung und Funktion zugenommen hat, da die Véilkcr und Nationen in immcr stirkerem M386 miteinander verbundcn und voneinander abhéngig sind.“
Ebenso griffen die etwa 150 teilnehmenden Stuntsund Regierungschefi 111 ihren Reden wiederholtThmnen 1111 Zusammenhang 111it der Einheit der Menschhcit auf. So Sprachen sie von der Erdc als einem globalcn Dorf, der Mcnschhcit als eincr cinzigcn Familie und von der Bedcutung globular Solidaritiit. „Friihcr wurdc von Philosophcn, Dichtcrn und anderen wciscn Mcnschen crkannt, dass die
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Oben: Ein Gruppenfoto der rund15o Staats- und Regierungschefs, die beim Millenniumsgipfel der Vereinten Nationen versammelt waren.
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Maurice Strong, derOrganisator des Rio-Um we/tgipfels 1992, spricht vor der UNVoI/versammlung.
„ Wir klinnen nicht linger veraltete, lcingst überholte Strukturen der Entscheidungsfindung (bei den UN) tolerieren. Sie sind nicht nur selektiv, sondern scheitern auch damn, dass sie nicht die Dynamik der weltweiten Neuordnung der Ietzten Jahrzehnte widerspie geln.“
Marco Maciel Vizeprésident von Brasilien
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Menschen einer Familie ange hören“, sagtejamaikas Premier P. ] Patterson „Das ist eine Vorstellung, die unsere Völker heutc immer mehr merkennen. Aufnahmen aus dem Weltall zeigcu nur eine Erde, die sich im All dreht, und bestdtigcn so auf dramatischc Weiss das Empfinden für eine Erde ohnc Grenzen. Das macht es leichter, dZISS sich der Gedankc der Einheit der Menschheit und einer wcltumfassenden Zusammengehdrigkeit verbrcitct. Diese Tatsache $011tc der gemeinsame Ausgangspunkt dieser Versammlung scin.“
Weiterc Themen waren: die Beendigung cxtrcmer Armut; die Erkcnntnis, dass Globalisierung mchr ist 2115 ein Wirtschaftliches Phiinomen, dass sie sowohl negative als auch positive Auswirkungen hat und gerecht und dcmokratisch geregelt wcrden muss; die Entwicklung Afrikas; Maßnahmen gegen den Klimawandel und den Austieg des Meercsspiegels; die Reform des UNSicherheitsrates und des internationalen Finanz— und Handelssystems; die Partizipation der Zivilgesellschatt und des Privatsektors in der Entwicklung.
Auch die Probleme im eigenen land klar benannt
Vicle Staatsoberhiiupter forderten auch einen Schul dcnerlass, die Bekdmpfung der Krankheit Aids und die Gleichheit zwischen den Geschlechtern. Darüber hinaus bekannten sich einige offen zu den Problemen ihrer Lsinder wie Korruption, Folgen von Bijrgerkrieg und Schwierigkeiten, nach dem Zusammenbruch dcs Kommunismus einen demokratischen Staat aufzubauen. Das vorrangige Thema aber war die Bedeutung derVereinten Nationen.
„Die klare Botschaft des Gipfels lautet, dass die Welt und ihre Völker die Vereinten Nationen brauchen“, sagte Tarja Halonen, Présidentin Finnlands und eine der beidenVorsitzenden des Gipfels in einem abschließenden Statement. „Zugleich ist offensichtlich, dass wir die UN stärken müssen, damit sie den Néten und Bedtirfnissen der leker gerecht werden können.“
Das bisher grfiflte UN-Gipfeltreffen mit Ratifizierung von rund 40 UN-Abkommen
Das Motto des Millenniumsgipfels lautetc: „Die R0116 derVereinten Nationen im 21 . jahrhundert“.Von den 189 UN-Mitgliedstaaten nahmen 187 teil.Andere offizielle Delegationen vertraten die Schweiz und den Vatikan, die palfistinensische Autonomiebehérde, verschiedene zwischenstaatliche Organisationen wie die Europiiische Kommission und die Arabische Liga sowie drei Nichtregierungsorganisationen.
Insgesamt nahmen knapp 200 Delegationen teil, vertreten durch 99 Staatsoberhziupter, 47 Regierungschefs, drei Kronprinzen, fijanizepriisidenten und verschiedene Vizepremiers, Außenminister und Botschafter. Mehr 315 5.000 Prcssevertreter und 60 NGOS hatten Zutritt zu den UN—Gebiiudcn wiihrend des Gipfels. Die Sicherheitsvorkehrungen waren äußerst
streng.
Wsihrend des Gipfels unterzeichneten Oder ratifizierten die Staaten rund 40 internationals Abkommen Oder traten ihnen bei, Die Mitglieder des UN—Sicherheitsrates verpflichteten sich in einer Sondersitzung, den Frieden aufallen Ebenen zu starken und zu F(Srdern, von prfiventiven bis hin zu friedenserhaltenden Maßnahmen in Nachkriegssituationcn. Dabei versprachen sie, besonders Afrika zu berücksichtigen.
„Der Wirkliche Erfflolg war die allseitige Bekriiftigung der bereits existierenden Maßnahmen der Friedenspolitik der Vereinten Nationen“, sagte Lawrence Arturo von der Bahá’í International Community. „Obwohl kaum neue konzeptionelle, gcsetzliche Oder institutionelle Grundlagen geschaffen wurden, hat diese Versammlung der Weltfiihrer doch die Vision einer friedlichen, prosperierenden und vereinigten Weltgemeinde bekréftigt. Die Regierungen haben ihre Verpflichtung gegenüber den Vereinten Nationen erneuert, was den Weg zulfi Frieden gewiss beschleunigen wird.“
Die Globalisierung muss zu einer positiven Kraft Für alle Nationen warden
Die Ansprachen und Erklzirungen standen im Zeichen globalen Denkens. „Wir glauben, dass es heute die zentrale Herausforderung ist, die G10balisierung zu eincr positiven Kraft fijr alle Nationen zu machen“, versicherten die Regierenden in einer Deklaration.
„Obwohl globales Denken und Handeln große Chancen bietet, sind gegenwärtig die Vor— und Nachteile nicht gleichméiBig verteilt. Wir erkennen, class Entwicklungsliinder und solche, deren Wirtschaft im Aufbau begriffen ist,
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besondercn Schwierigkeitcn
gegenüberstehcn. Nur durch
sine breit angelegte, nachhaltige Anstrengung kunn cincgemeinsame Zukunft gestaltet
warden, in der die Menschheit
in 211] ihrerVerschiedenheit gerccht an der Globalisierung
tcilhat. Diesc Anstrengung
muss politische und andere
Maßnahmen aufglobalcr Ebenc umfhssen. Den Bedürfnissen V011 Entwicklungsliindern
und wirtschaftlichen Schwcllcnliindern muss glcichermm
Ben entsprochen werden. Dies
ist nur moglich, wcnn sie sich
bcteiligcn.“
UN als einzige Institution in der Lage, die Globalisierung gerecht zu gestalten
Die Ansprachen dt‘l Politiker spiegelten diesc Gedanken wider und betonten zuglcich die cinzigartige R0116 derVereinten Nationcn. „Mit den Möglichktiten der Globalisierung wurdc uuch cine Situation geschaflkn, die erhohte Verletzbarkeit in sich birgt. Das gilt besonders für die schwdcheren und iirmeren Nationen und fiihrt zu deren weitercr Ausgrenzung“, SO der Priisidcnt der Mongolei, Natsagiin Bagabandi.
„Die Fragc ist, wie wir den unvcrmeidbarcn Prozess der Globalisierung handhaben, so dass auch scheinbar ungebiindigte Tendenzen berücksichtigt wcrden. Die Mongolei glaubt, duss die Vereintcn Nationen wegen ihrer Überparteilichkeit und ihrer allgcmeinen Legitimation als einzige in der Luge sind, die allumfassendc Führung 1111 Prozcss der Globalisierung zu übernehmen, so dass Vorteile fiir ulle entstehen — besonders fiir die kleincren Staaten.“
Unterstiitzung Für eine einschneidende Reform der Vereinten Nationen - Für ein Weltparlament
In der Dcklaration verpflichten sich die Unterzcichnendcn, die Velcintcn Nationcn zu „cinem effektivcrcn Instrument“ umzugcsmlten. Es wurdcn allerdings nur W611igc Details festgelegt EIUBCI‘ dem, „die zentralc Rollc der Generalvcrsannnlung als dem bcrav tandem, bcschlussfassenden und repriiscntativen Organ deerreintcn Nationen zu bcstiitigen.“ Auch wurde darauf gcdrungcn, dass eine stiirkcrc Zusammenarbeit zwischen allen Organen der Vereintcn Nationen stattfindet. Außerdcm wurde zugcsagt, die „Allstrengungcn zu intensiviercn, um eine umfassende Reform des Sichcrheitsrates zu errciChen“,
Viclc gingen in ihrcn Redcn 110Ch weiter. „\X/ir müssen den Sicherheitsrnt reformiercn, damit er reprliscntativcr, effektiver und legitimer wird“, sagte dchizeprasident von Brasilien, Marco Maciel. „Wir konnen nicht länger veraltete,lii11gst Liberholte Strukturen der Entscheidungsfindung tolcrieren. Sie sind nicht nur sclektiv,so11dern scheitem auch damn, Class sie nicht die Dynamik der weltwcitcn N euordnung der letzten Jahrzehntc widerspiegeln.“
Vaclav Havel, der Prisident der Tschechischen Republik, forderte, dass dic Vereinten Nationen 2L1 einer offenthchen Plattform für gemeinsamc, solidarische, cntscheidungsfindends Strukturcn der gcsamten Menschhcit werden, um „unser aller Fortbcstehen auf diesem llaneten gestalten zu konncn.“ Er sprach sich flir die Bildung eincr zweiten UNVcrsammlung aus, bestehcnd aus Vertrctcrn, die dirckt von der Weltbevolkcrung gcwdhlt w Lirden. Die Zahl der Delegicrten eines Landes solle ctwa dcsstn Bevolkerungsgroße entsprechen. „Zusannnen mit der Generalversammlung konnc diesc‘s Organ globalc Gesetzgebung scllaflbn und garamticren.“
Ausbau globaler Werte
Auch wenn chrcinstimmung zu bestimmten, neucn Strukturcn der Vereintcn Nutioncn nicht erreicht wurdc so konntc doch Einvcrstiindnis zu scchs grundlegendcnWertvorstellungen für das Rogicren im neuen jahrhundert crzielt werden: Freiheit, Glcichhcit, Solii daritlit, Toleranz, Umweltschutz und gemcinsnme Verantwortung. Die Bedeutung der cinzclnen Prinzipicn wurde in jc cincm kurzcn Abschnitt zusammengcfilsst. In ihrcr Gesamtheit bildcn sie einc ncuc Vision von der genwinsamenVerantwortung 31lcr für allc.
„Mii11ncr und Frauen habcn das Rccht, ihr Leben so zu gestaltcn, dass sie ihrc Kinder in Wiirdc, fi'ci von Hunger, ohnc Furcht vor Gewalt, Unterdrückung und Ungerechtigkeit erziehen konnen“, bcsugt der Abschnitt zur Froihcit. „Demokratischc chic rungsfbrmen, die uufdcmWiL 161] desVolkes bcruhemsichem am besten dicse Rechte. Kein Individuum und keine Nation darfder Möglichkeitcn bemubt wcrdcn, V011 Entwicklung zu profitieren,“ besagt der Abschnitt zur Gleichheit. Und: „G1ciche Rechte und Möglichkeiten für M31111 und Frau müssen sichergestcllt 50in.“ I
„ Wir brauchen ein zweites UN-Parlument, dessen Vertreter direkt van der Weltbevcilkerung ge wiihlt warden. Zusammen mit der Generalvemlmmlung kann dieses Organ globale Gesetzgebung uhaffen und
garantieren. “ Vaclav Havel
Président derTschechischen Republik
PJ. Patterson, Premierminister von Jamaika, spricht vor der UN—Vollversamm/ung.
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Zivilgesellschaft 2115 Partner der
Regierungen — Millenniumsgipfel
bekräftigt R0116 der NGOS
Techeste Ahderom, CoVorsitzender des Millen nium Forums, sprach beim Millienniumsgipfe/der Staatsoberhdupterfijrdie bei der UN akkreditierten NGOs.Ahderom istgleichzeitig Vertreterder Bahá’í International Community bei den Vereinten Nationen.
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EREINTE NATIO NEN — Die Sicher heitsvorkehrungcn wurcn scharf, 11111‘ 61116 bcgrcnztc Zuhl von N(lO—VCF tretcm wurde zum MillenlliLlllngipr‘1 zugclassen. Dennoch kam dic R0116 der Nichtrcgielumgsganisationcn 111 der Welt nicht zu kurz.
111 111rcn Ansprachen u11d111 der Millcnniunnerkliirung erkanntcn die Staats— und Regierungschcfs an, wie Wichtig die Partnerschaft zwischen Regierungen und Zivilgescllschatt ist, u111 weltweiten Herausforderungen zu bcgcgncn. „Die Tiitigkeit der Zivilgcscllschaft ist für uns und die Vereinten Nationen V011 großer Bedcutung“, sagtc die Ministerprdsidentin V011 Bangladesh, Scheich Hasina. „D1c Kraft diestr Partnerschaft Wird es uns crméfiglichen, unsere Zielc zu verwirklichen.“
In der Erkllirung beschlossen die Staatsoberhaupter,
„de111 dritten Sektor, der Zivilgcsellschaft, allgemcin mehr Möglichkeitcn einzurliu11161], um zur Umsetzung der 21616 und Progrannne der UN bcizutragen.“ Außerdcm forderten sie „Starks lartnerschaften 111it dem privaten Sektor und Organisational der Zivilgesellschaft, um Entwicklung zu fbrdern und Armut 211 bekiimpfen.“
Zu den wenigen Gipfelteilneh111cr11,die keinc Staats111111111er warcn, gehörten Repriiscntantcn der ZivilgescllschafLVor 8116111 zwei NGOS 111it Bcobachterstatus bei den Vereinten Nationen, das Internationale Komitee vom R0ten Kreuz und der Malteserorden, kamen zu Wort.
Eine Rede 1111 Namcn der gesamtcn ZiVilgesellschaft hielt Techeste Ahderom, Co—Vorsitzcnder dcs Millennium Forum, cincr NGO—Konferenz bei der UN 1111 Vorfcld des Gipfels. Ahderom erinnerte an die wichtige Rolle der weltweiten zivilen Gescllschaft bei der Gestaltung weltumfassender Institutionen und Politik. Er berichtete über die Ergebnisse des Foru111s,bei Clem mehr 211$ eintausend NGO—Vertreter fiinfTage 12mg beraten batten. Die sechs Hauptthemen waren Friede, Beseitigung der Armut, Menschenrechte, nachhaltige Entwicklung, Globalisierung und Stlirkung der Vcreinten Nationen.
„Dieser Gipfcl wird in die Geschichte eingehen als Wegbereiter einer langersehnten Ara des Friedens, der Gerechtigkeit und des Wohlergehens der gesamtcn Menschhcit“, so Ahderom, der auch Reprisentant der Bahá’í International Community bei denVereinten
Nationen ist. „Natfir11ch wird diese neuc Ara konkrete Taten und 111c11t11urW0rte crfordem. Wir in der Zivilgcscllschaft 51nd bereit, 111it 1h11eI1 und ihlen Regierungen Scite an Seitc 61116 neue Welt zu schatfen.“
Techestc Ahderom appelr herte an die Politikcr, die Erklirung und das Aktionsprogramm des Millennium 1:0rum (111illcn11iu111foru1111org) zu studieren, das Organisationen aus rund cinhundert Ländern 1111 Mai 2000 verabschiedet batten. „Die Erkllirung entwilft eine k LihneVision von der Zukunft der Menschheit und schlfigt eine Serie k011erter Schritte vor, die von den Vereintcn Nat10n6n,den Regierungen und der Zivilgescllschaft unternommen werden k61111c‘11, um 111i: den Problemen der Menschheit fertig zu werdcn.“
Techcste Ahderom batonte die R0116, die die Zivilgesellschzlft schon immer bei positiven sozialcheriinderungen gespielt habc. „Zu jeder Zeit der Gcschichte, von der Sklaverei bis zur Anerkcnnung der Gleichheit von Mann und Frau, begannen die Ulnwiilzungen nicht bei den Regierungen, sondern auf der Straße.“ Und: „Auch 1945 waren zivile Organisationen beteiligt bei der Formulierung zentra161' Artikel in der Charm der Vereinten Nationen, besonders auf dem Gebiet der M611schenrechte.“
„1njii11gerer Zeit“, so Ahderom, „spielen die NGOS cine wichtige R0116 b61111 Aufbau eines 1nternat10nalcn Strafgaichtshofes, b61111 E111satz für einen Schuldenerlass und in der internationalen Bewegung gegen Landminen.“ I
Schon bald werden vielc Thusend Bcsuclzer cmf den Termsscn spazieren ge/zen, die sichfast einm Kilometer über den Berg Karmel erstrec/een. Doch werden sie walzrnehmen, wie bewusst etwa die Steinegewdhlt warden, die emf dem Baden der SpringbmnHen liegen?
AIFA, Israel — Die
Farbe dieser Steine
stimmt übercin mit der Sandfhrbe der sie umgebcnden Ornamente — Ausdruck der grolficn Aufmerksamkeit fijr Details bci dicscm Bauprojekt, das eine viel besuchtc Attraktion der moderncn Welt zu werden verspricht. Die Steins bilden ein fast perfcktcs Oval, wcnig grifificr 315 das mcnschlichc Hcrz.All dies tragt zur Harmonic der 19 nm jesthtischenTerrassen und Glit ten bei, die den Nordhang des seit alten Zeiten :115 „Bcrg dcs Herrn“ bekannten Berg Karmel neu gestalten.
Die Suche nach dcn Stei ncn daucrtc acht Monatc, fiihrtc in drci Länder und endetc in einer abgelegenen Bucht Zyperns. „Ich wollte Steine, die dieselbe Farbe und dieselben Eigenschaften der gmdercn Elemcntc dicses Projekts besitzen“, sagt Architekt Fariborz Sahba. „Ein Beispicl für die kleinen Dinge, die einen Unterschied machen.“ Die Aufmerksamkeit, die man solchen Einzelheiten zollt, ist Zcichen für die große Bedeutung, die die Bahá’í in aller Welt diesem Projekt beimcssen. Rund 250 Millionen US
HAIFA
Oben: Die Fertigstellung der Terrassengdrten oberhalb und unterhalb des Schreins des Ba’b gibt der Nordseite des Berges Karmel ein neues Gesicht —jenem Berg, der den Juden, Christen und Bahdiheilig ist.
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Fariborz Sahba, Architekt der
Gartenanlagen, begutachtet
die Wasserfontdne und ovalen Steine aufeinerder Terrassen.
Etwa 250 Millionen Dollar spendeten die Bahdiaus aller Welt, um eine Terrassengartenanlage vom Fa]! bis zum Gipfel des Barges K armel zu finanzieren - eine Anlage, die viele als„achtes Weltwunder“ bezeichnen.
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Dollar hnben 516 1111 vergangencnjahrzehnt dafijr gespendet. Im Mai 2001 wurden die Terrassen und GZirten in einer feierlichen Zeremonic der Welt6ffentlichkeit zugfinglich gemacht. Sie wurden als Spiegelbild des Bahá’í—Standards an Schönheit, Frieden und Harmonie vergestelltjene, die bcreits einen Blick darauf richtcn könnten, sagen, das Proj ckt werdc ohne Zweifel seinen Platz nebcn anderen religids motivierten Monumenten einnehmen, die in derVergangenheit erbaut wurden.
„Allein durch Betrachten kann man eine geistige Reisc antreten. Die Garter] am Berg Karmel stehen neben anderen großen religifisen Kunst— Oder Bauwcrken“, so der Autor mehrcrer Bücher über vergleichende Religionswissenschaft, Martin Palmer, dessenjtingstes Buch den Titel „Sacred Gardens“ hat. „Die Bahá’í habcn eine greifbare Vision geschaffen, wie ihre Rfiligion 1111
historischen Rahmen und in ihrer meditativen Botschaft zu verstehen ist.“
Das geistige und das administrative Zentrum der Bahá’í-Welt
Bekannt 211$ Berg—KarmclProjekt, schließt das Unternehmen nicht nur den Bau von 19 Terrassengdrten am Karmel cin, sondern auch zwei neue Verwaltungsgcbfiude, die ebenfalls hoch an den Hang des Bcrges gesetzt wurden. Diese beiden Gcbziude, das sogenannte Zentrum für das Studium der Heiligen Texte und das Internationale Lehrzentrum,bilden einen Bogen zusammen mit dem lnternationalen Archiv und mit dem Sitz des Universalen Hauses der Gerechtigkeit, der obersten internationalen Körperschaft der Bahá’í—Gemeinde.
Die Karmel—Projekts ist fijr die
Vollendung des
Bahá’í die Verwirklichung des langen Traums, ein geistiges und administratives Zentrum zu schaffen, das der Schönheit der Bahá’í—Lehren entspricht, das angcmessen den Anspruch des Claubens als unabhiingige Weltreligion darstellt, die heutc als geograflsch am weitesten verbreitete Religion nach dem Christentum gilt.
„Architektur ist eine Sprache, und dieses Projekt tragt cine Botschaft“, sagt Albert Lincoln, Generalsekretiir der Bahá’í International Community (BIC). „Als Weltgemeinde glauben wir, dass wir die Träger einer Wichtigen Botschaft sind. Und diese Gdrten und neuen Gebziude sollen ein bleibendes Zeugnis der Bedeutung dieser Botschaft schaffen welche in ihrer einfachsten Form lautet, dass Gott eine neue Ofienbarung gesandt hat, um die Probleme des moderncn Zeitalters zu 165611 und Cine Epoche des Friedens und der Gerechtigkeit flir die Menschheit einzuleiten.“
Fijr die Allgemeinheit crlaubt das Fertigstellen des Pro jekts einen Einblick in dieWclt, fiir die die Bahá’í arbeiten: Einheit der Menschheit in Mannigfaltigkeit,V0rrang der geistigcn Wertc über den Materialismus und Offenheit für alle MenschenNdlker und Kulturen. „Ich glaube, es wird ein Wahrzeichen nicht nur flir Haifa sein, sondern eincr der Orte in Israel, den man gesehen habcn muss“, so Mirko Stefanovic, jugoslawiens Botschafter in Israel, der das Bahá’í—Weltzentrum viele Male besucht hat. „Es ist wie eine Case in der Wüste. Denn der Nahe Ostcn ist ein hektischer Ort, V011 von Kontrasten und Konflikten. Die Bahá’iGsirten sind wie eine Insel der Rube und des Friedens.“
Die historische Bedeutung des Berges Karmel
Schon 1600 Vor Christus wurde der Berg Karme] in figyptischen Berichten als der „Heilige Berg“ erwihnt. In der Bibel ist er der Ort der Gegenüberstellung des Elias mit den Anbetern des Baal.Auch den frühen Christen war der Berg heilig. Hier wurde im jahr 1150 der Karmelitcr—Orden der rdmisch—katholischen Kirche gegründet.
„Der Berg Karmel und Elias nehmen einen Wichtigen Platz in der christlichen Wie auch in derjiidischen Tradition ein“, sagt Moshe Sharon, Professor für Nahost—Studien mit einem Lehrstuhl für Bahá’í—Studien an der Hebrziischen Universitét in Jerusalem. „Elias muss vor dem Messias erscheinen, und es gibt Hunderte von Traditionen und Geschichten, die mit dem Berg Karmel verbunden sind und ihm einen einzigartigen Platz in mehr als einer religiösenTradition gebcn.“
Auch für die Bahá’í hat der Ort größte Bedeutung, da Bahá’u’lláh ihn in den frühen neunziger Jahren des 19.jahrhunderts besuchte und ein
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Sendschreiben offbnbarta in
dem der Borg zum ()rt des
geistigen und administrativen
Zentrums der Religion bestimmt wurdc.
Die Entwicklung dcs Bahá’í—Wcltzcntrums, wie der Komplcx nus Gcbiiuden. Cairtcn und Hciligcn Stiittcn genannt wird, schritt Iangsam iibcr dds vcrgungcnc Jahrhundert vor;1n.Wichtigc Stufen warcn der leu des Schreins bzw. dcs (lmbmuls des Bib und die Bcstattung Von dcssen stcrblichen Überresten 190‘), die Fcrtigstcllung des Ubelbuus mit goldener Kuppel über dem Schrcin dcs Bflb 1953, der Bau dcs Internationalen Archivs 1957 und die Errichtung dcs Sitzcs dcs Universalen Hauses der Gcrechtigkeit im jahr 1983.
Mit dem Bau der Giirten und Terrasscn, die nun den Schrcin des Báb L1111g6bc‘11,zusnmmcn mit dchcrwnltungsgcbiiuden auf dem Bcrg Kurmel, wurdc nus Sicht der Bahá’í ein Wichtigcs Zicl ihrcs (Ilaubens erfüllt. „Unxcre Schriften besagcn, dass das Erw ballen dieser Einrichtungcn 111it anderen lrozcsscn in der Welt einhergcht“, so Douglas Samimi—Moore. Lcitcr dcs Biiros für Offentlichkeitsarbcit der Bahá’í International Community. „Einer diescr Prozessc ist das Reifen der lokulcn und mtionalen Bahá’í—IIlstitutionen. Anders Prozcssc fiihrcn zum politischen Fricdcn flir die Mcnschhcit, und wir meinen, dass diesc chreinstimmung zmritfi. wcnn mam weitliiufig betrachtct, wic dic Dingo in der Welt luufcn.“
Die Fcrtigstellung derTerrasscn, Giirtcn und Bauten am Berg Karmel. so glauben die Bahá’í,rcflcktiertdic geistigen Grundsiitzc, die der Menschhcit zu cincm wirklichen Weltfriedm vcrhelfen konnen. „Das geistigc Motiv, diesc Gebaudc zu crrichten. ist die Überzeugung, dnss diese Einrichtungcn der Mcnschhcit von Nutzen scin wcrden“. sagt Samimi Moore. "Die lehj'i glaubcn, dass diesc ncucn Strukturcn zur Vereinigung dcs llunetcn beitragtn wcrdcn.“
Girten ,die die Seele berühren
chifcllos sind die Terrasscn und (KirtCIL die sich vom Fuß bis zum (prel dc‘s Karmel erstreckcn und 56in Aussehen priigcn. das nufilflligste Merkmnl dcs lrojekts. Insgcsnmt bcdcckcn dic Clirtcn rund 2()().l)()() Quzldratmctcr. Scit Mai 2001 stchen sie allen Mcnschen ofiln. so Wie die anderen hciligcn Stiitten der Bahá’í uuch.
Bcrcits scit 1950 ist die goldcnc Kuppel ijbcr dem Schrcin dcs Bib. auf halber Hohc dos Kurmel, cin gewohntcs Wahrzcichen V011 Israels drittgriilfitor Stadt Haifa. Die 19Tcr1'asscn — eine davon zlutder EbcIlt des Schreins, ncun durüber und neun daruntcr —h;1bcn die Form V011 Armen oder Klammern. die den Schrein im Herzcn des Hangs bctonanrchitckt Sahba vergleicht die ncucn Bauten mit der Fussung einesjuwels. „Wc1m cin Diamant nicht richtig gcfilsst ist, wird scin Wert nicht sichtbar“, sagt Sahba. „Dic Tcrmssen stellen
sowohl eine mutericlle wie auch eine gcistige Fassung für den Schrcin d;11'.Alles richtct das Augcnmcrk auf den Schrcin.“
Die Tcrmsscn sind durch Stufcn vcrbunden, die vom Fuß dos Bcrgcs bis fast zur Spitzc fiihrcn. l )ic Stufen aus sandfinbcnan ortlich gcwonncnem Stein wcrdcn von zweiWasscrliiufbn cingcruhmt und glciChen so cincm von Menschen gcnmchtcn Bach, der sich in santtcn Kaskaden den Berg hinunter crgic Bt und dabei in fluchen Becker] kurz ilmehiilt. Dicsc enthalten die schon crwiihntcn ovalen Steins. Er babe in Israel, Italian und Indicn dnnuch suchen lasscn, sngt Suhbzl. bcvor er in Zypcrn die Stein:- gefimden habe. die scinchorsteHung cntsprnchen.
„Unser Ziel war cs nicht nur. schone Architcktur odor (Iiirten zu schaftcn“, so der Architekt, der zluch dns bckannte, in Form cincr Lotosbl Lite gestaltetc Huus der Alldacht in Ncu Delhi für die lehzii entworthl hut. .,Es gibt so Vielc schonc (Eiirtcn autder \X/e]t.\X/ir;1ber \Volltcn schone und spiritucllc (llirtcn gestalten — Giirten. die die Scele berühren, damit der Bcsuchcr i11nehiilt und spiirt: Dicscr Ort ist
§ \
„Architektur ist eine Sprache, und dieses Projekt trägt eine Botschaft... Diese 66':ten and neuen Gebé‘ude sollen ein bleibendes Zeugnis der Bedeutung dieser Botschaft schaffen - welche Iautet, dass Gott eine neue Offenbarung gesandt hat, um die Probleme des modernen Zeit alters zu lasen. “
Albert Lincoln Generalsekretérder Bahá’ilnternational Community
Eine derzah/reichen Fontiinen, die die Terrassengdrten aufdem Berg Karmel verzieren.
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„Dd! geistige Motiv, diese Gebé’ude
zu errich ten, in die
Überzeugung, dass
diese Einrichtungen derMenschheit von Nutzen
sein warden. Die
Bahiiglauben,
dass diese neuen
Strukturen zur
Vereinigung des
Planeten beitragen
warden. “
Douglas SamimiMoore,Bahá’í International Community
Das Internationale Lehrzentrum schliejit den Bogen der vorléiufig vier administrativen Gebdude
ab.
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anders, er hat ctwas Besonde ‘4
res.
Er habe versucht, dies durch dieWeChselwirkung von Licht,Wasser und Farbe zu erreichen, sagt Sahba. „Nachts sieht es so aus, 2115 ob Wellen des Lichts V0111 Schrein des Báb ausgehen. Tagsüber entstehen diese Bewcgungen durch das Sonnenlicht, wenn 65 durch die Zypressen gefiltert und aufdie geschwungcnen, smaragdgrfinen Rasenfl‘achen reflekticrt wird.“
Die Hingenden Giirten von Babylon sind hier wieder erlebbar
„Wichtig ist auch das Wasser“, flihrt er fort. „chn man dieTerrassen hinuntergeht,begleitet einen das \X/asscr. Es zicht Vögel an, und in Harmonie mit dem Gesang deergel entsteht eine 0356 im Ldrm der Stadt. Sie gibt den Raum und die Rube, die man braucht, um von der alltäglichen Wirklichkeit getrennt zu wcrden.“
Die Terrassen sind ausgestattet mit dekorativen Balustraden, Springbrunnen, Blinken und StatuenAufjederTerrasse stehcn Pflanzen und Blumen, die heimisch in Israel sind. „Wer sich vorstellen 1116chte,
wie die Hiingenden Garten von Babylon ausgesehen habcn, besuche den Berg Karmel. Er wird etwas schen, das dem niiher kommt als irgendetwas anderes auf der Welt“, sagt Religionswissenschaftler Palmer.
Die Girtcn vercinen sich mit der natürlichen Umgebung des Bergs aufbeiden Seiten der Mittellinie, die durch die Treppen dcfiniert wird. „Nahe dem Weg ist die Natur sehr geordnet, aber je weitcr man sich entfernt, desto Wildef und natijrlicher Wird sic“, so Palmer. „Dalnjt hat man dieses faszinierende Modell, Wie man Ordnung aus Chaos schaffi. ES gibt auch das Gefühl, dass die Wildnis cin Ort ist, an Clem man Gott finden kann. 50 Wis man sich vom Mittelpunkt wegbewegt, findet man gréBcre Bliume und Biische, und man kann sich geistig Ibsen.“
Perspektive und Wasser besiegen den Léirm und die Hasslichkeit der modemen Großstadt
Viele Terrassen wurden so in den Berg gcschnitten, dass man, wenn man aufihnen steht, nur den Himmcl, das Meer, die Garten und den Schrein sieht.
„Eine erstaunliche Anwendung der Perspektive“, findet Palmer. „Alles andere ist verschwunden. Man sieht die Straßen nicht. Man ist in gewissem Sinne in den siebten Himmel gehobcn. Es ist, als oh man die Erdc verlassen hat und ins P21radies versetzt wurde.“
Außerdem erwlihnt der Religionswissenschaftler, class (1215 sanfte Geriiusch des flieBendenWassers die Geriiusche der Stadt ausschaltet. „Fur mich ist das sylnbolisch. Man muss die ruhige, sanfte Stimme Gottes hören, die auch Elias auf dem Berg Karmel gchört hat. Und mit dem trépfelnden Wasser, das den Llirm um einen herum ausschaltet, wird diese Stimme hérbar.“
Die Anlage ist für Bahá’í symbolisch und inspirierend. „chn man die Terrassen von unten hinaufsteigt, ist der Schrein des Bib jederzeit zu sehen, genau in der Sichtlinie im Mittelpunkt unsererAnbetung“, findet der norwegische Komponist Lasse Thoresen, der Viel Zeit in den Girten verbracht hat, um eine Symphonic für die Eréffnungsfeier zu schreiben. „Dies ist ein schdnes, anregendes Merkmal.“
„Zugleich symbolisiert das VOID Berg herabflieBendeWasser Für mich das chenswasscr, das die Gnade Gottes ist, Gottes lebensspendende Energie, von der in den Bahá’í—Schriften und in der Bibel sowie in anderen religidsen Schriften gesprochen wird“, so Theresen.
Suheil Bushrui, der Haifa immer wieder seit seiner Kindheit besucht hat und zur Zeit einen Lehrstuhl fürWeltfrieden an der Universitét Maryland, USA, hat, glaubt, dass die Garten und Terrassen ein neues Modell fijr Entwicklung anbieten. „Diese Projekte auf dem Berg Karmel liefern ein Beispiel für die Gestaltung der physischen Umwelt durch den Menschen in Einklang mit religiösen Lehren, die dieWichtigkeit der Natur betonen 50wie den Wert der Schönheit
‘1.
und die Tugend der Vollkommenheit“. sagt der Professor. „Si€13556n ahnen. in welchcm MAB materielle und gcistige Elements sich gegcnscitig crgtinzen kbnncn — zu beiderxeitigem Vortcil Lmd mit g(instigen Auswirkungcn auf die
Umwelt.“
DieTcrmsscn sind das sichtbarste Zeichen der neucn Entwicklung am Berg Karmel. Die Fertigstcllung der beidcn nahcn Vcrwaltungsgebiiude jedoch ist für die Bahá’í von gleiCher Wichtigkeit, da sie das Hervortreten von zwei zcntrnlcn Institutionen bedcuten, die dazu bcstimmt sind, das Universale Haus der Gerechtigkeit bei der Führung und Leitung ciner rasch wachsenden, weltweiten Bahá’í—Gemeinde zu unterstützen. Zusammen mit dem Sitz des Universalen Hausc‘s der Gerechtigkeit und dem lnternationalen Archiv bilden
das Internationale Lehrzentrum und das Zentrum für das Studium der Texts einen B0gcn auf der Vorderseite des H;1ngs.\X/enn man sich dem Berg zuwendtt, liegt dieser Bogen ein wenig zur Linken der Achse, die durch die Treppcn gebildct wird.
Das Zentrum für das Studium der Tcxte wird eine 1nstitution V011 Gelehrten beherbergen, deren Aufgabe es ist, die heiligen Bahá’í—Schriften zu studiercn, „Die Bahá’í—Schriften umtassen mehr 315 100.000 Dokumente und andere Unterlagen. Das Zentrum wird auchTexte übersetzen, Zusammenfassungen erstellcn und bci Bedarf Kommentare vcrfas5611.“
Das Gebziude des Internationalen Lehrzentrums wird Sitz einer Kéirperschaft ans bcnannten Personal], die das Universale Haus der Ccrcchtigkeit unterstützen und der weltwciten Bahá’í—Gemeindc fijhrcnd zur Seite stchen durch cin Netzwcrk von „chtcrn“ in der ganzen Welt. "Sic RSrdern
die Inhalte des Glnubcns wie Einheit und Erzichung“, Architckt Hussein All1;111;1t,der
die beiden Gebiiude cntwor szlgt
fen hat wie auch don Sitz dcs Universalcn Hauses der Gcrcchtigkeit.\X/ic diescr wurdcn die zwci ncucn Bauwcrkc in klassischem griechischcm Stil errichtet, der mit dem Stil des Intcrnationalcn Archivs harmonicrt. dag vor etwa 50 juhrcn entworfcn wurdc. „Ursprünglich dnchte ich, dass es Vicllcicht cincn modernen Sti] glibc, der in die Umgcbung hicr passt“, erirmert sich Amanat, der 1972 im Alter von 30jahren bcgann, den Sitz dcs Universalcn Hauses zu entwcrfen. Zuvor hatte er einen Wcttbcwcrb für cin wichtiges Monument und einen Gcbiiudekomplex in seiner iranischen Heimat gcwonnen. Er €rk11irt,dass Shoghi Effendi, der von 1921 bis 1957 das Oberhaupt der Bahá’í—Religion war, den klassischen griechischen Stil gewfihlt habe, da der sich durch bleibende Schbnhcit
bewahrt habe.
Das Zentrumfljr das Studium der Texte ist tiefin den Berg hineinversetzt, so dass es wie ein Gartenpavi/lon wirkt.
nv-fl J
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„Die Bahdihaben eine greifbare Vision geschafien, wie ihre Religion im historischen Rahmen und in ihrer meditativen Botschaft zu verstehen
ist.“
Martin Palmer Religionswissenschaftler und Autordes Buches „Sacred Gardens“
Bild oben: Der Sitz des Uni versa/en Hauses derCerechtigkeit, der höchsten internationalen Kcirperschaft der Bahá’í-Gemeinde, wurde 1983fertiggestellt.
Bild unten: Diese Aufnahme aus den195oer1ahren zeigt, wie sehrsich der Berg Karme/seither verdndert hat.
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Klassische Architektur als Architektur einer
Zeit graflerer Gelassenheit und Meditation
„Ich sah. \vic scluin der klassischc Stil in dicsc Umgcbung von fl‘iedlichen (?iirtcn passt“, flihrt Amanat fort. .,1 )cr Grund dafür ist: 111 unscrcm 1110dc1‘11cn chen sind wir Stiindig in Eilc. Es gibt kcine Zeit mchr. nuf Einzelheiten cincs klussischen Gebdudes zu achtcn. Dcr klassische Stil dagegcn gchiirt zu einer Gesellsvhuth dic gelassener ist und sich Zcit nimmt nachzudenken und zu bctcn. Modernc Gebiiudc sind mach der industricllcn Revolution cntstandem nls sich dnx matcriclle Lebtn iibm das gcistigc stelltc. Aber \\i1‘ Bahá’í gluubcn, dass Schiinhcit grundslitzlich wichtig ist, dcnn sie ist \vichtiifiT für dic mcnschlichc Scclc,“ Obwohl sich bcidc (chiiudc mehr als dl L‘i Etzlgcn über don Erdbodcn crhcbcn, ist cm Grofiteil ihrcr Struktur in den Berg cingcluxscn. „l)ic Idea bcsteht
dnrin, dnss cs lavillons sind, die dcn (hlrtcn vcrschöncrn und nicht crdrückcn“, mgr Amanat.
Die (icsmmfllfichc der zwei Ilcucn (?cbiiudc bctriigt rund 35,0(M Quadlzltmctcr. Dies rcflckticrt dic Bcdcumng dcs Buhffi—Wcltzcntrums für mehr als fiinf Millioncn Bahá’í. „Die Mcnschen, dic hicr urbeiten, sind darauf cingcstcllt, cincr wachscndcn \X/cltgcmcindc zu dicnen“, szlgt Snxni111i~M00r6 von der Bahá’í Intcrnntiona] Community
Die (?clder für (lcbiiudc und Terrassen auf dem Berg Karmel stnnmlcn ausschliclilich \‘011 Mitglicdern der
Balm 1~Rcligimx ..Es kam kein Geld von aulicrhalb“. sngt der Genernlsckrctiirder133]]le 1114 ternatioml (1011mmniry,A|bcrt Lincoln.
„l)abci sind wir kcinc reiChe Gcmcindu Dic Golder stammen von Abcrtuuscnden von Mcnscl1c11,dic iibcrjnhrc hinwcg gcspcndct Imbcn. Drci Viertel der Bahá’í lcbcn in der Dritten Welt“. fiigt Lincoln hinzu. „Es ist nichts Ungewähnlichc‘s, eine Lchmhiittc in cincm afi‘iknnischen Dorf zu bctrcten und cin Bild dicscs lrojckts an dchnnd zu when. zummmen111itci11c1'Quittung fi'n eine kleinc Spcndc.“ I
Der Bahá’í—Glaube und seine
i
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Beziehung zum Heiligen Land
er Bahá’í—Glaube entstand im Iran, hat aber 56in geistigcs und ad ministratives Zentrum heute in Israel. Dies hat seinen Grund darin, dass der Stifter der Bahá’í-Religion, Bahá’u’lláh, durch die Umsténde der Geschichte letztlich nach Akká gelangte, der Stadt am nbrdlichen Ende der Bucht von Haifa.
Nach einer Serie vonVerbannungen über mehrere Stationen von seiner Heimatstadt Teheran über Baghdad im heutigen Irak sowie Edirne und Istanbul in der heutigen Türkei wurde Bahá’u’lláh gemeinsam mit seiner Familie 1868 nach Akká verbracht, einer damals besonders benichtigten Gefeingnisstadt des osmanischen Reiches.
Obwohl sie Gefangene waren, wurden die Bahá’í bald zu einer geachteten religiösen Minderheit in Akká. Nach einiger Zeit wurde Bahá’u’lláh eine begrenzte Freiheit gewfihrt. Wihrgnd einer Reise nach Haifa im Jahre 1891 be nannte Bahá’u’lláh den Berg Karmel als den Sitz des Weltzentrums seines Glaubens. Er wies ferner an, dass die sterblichen Überreste des Báb hier auf diesem Berge ihre dauerhafte Ruhestzitte finden sollten. Der Bib gilt den Bahá’í als der Vorleiufer Bahá’u’lláhs — so wie Johannes der Tziufer der Vorlaufer von jesus war —, abet gleichzeitig als ein eigenstiindiger Gottesoffenbarer.
Die heiligsten Orte Für die Bahá’í
Mit Bahá’u’lláhs Hinscheiden und Beisetzung in der Nihe von Akká imjahre 1892 ging zugleich die Festlegung des geistigen Zentrums des Bahá’í—Glaubens einher. Der Ort der Beisetzung von Bahá’u’lláh in Bahji nérdlich von Haifa und nahe der Stadt Akká ist fijr die Bahá’í der heiligste Ort der Welt.
Die Gebeine des Báb fanden ihren letzten Ruheort schließlich 1909 in einem steinernen Mausoleum aufhalber
H'Ohe des Berges Karmel. Fast 45 jahrc später, im jahr 1953, wurde über den] Mausoleum ein Überbau aus weißem Marmor errichtet, überwélbt von einer golden glénzenden Kuppel. Dieser Schrein dcs Báb gilt den Bahá’í in der Welt als der zweitheiligste Ort.
Im Laufe der folgenden jahre bauten die Bahá’í eine Vielzahl von Gsirten im weiten Umfeld um diese beiden heiligen Orte. Sie errichteten weitere Monumente fijr weitere Führungsgestalten der frühen Geschichte des Bahá’iGlaubens. Und sie erbautenfiir verschiedene Einrichtungen ihrer Gemeinde Gebeiude, die sich in ihrem Stil der Würde von heiligen Orten anpassten. Alle dicse Gebeiude und Giirten wurden ausschließlich durch Spenden aus der weltweiten Bahá’í—Gemeinde finanziert, da es zu den Grundsfitzen der Bahá’í gehört, dass ihre Gremien keinerlei Gelder von außerhalb annehmen.
Heute dienen mehr als 800 Mitarbeiter am Bahá’í—Welt DerSchrein Bahdu'llahs in Bahji, ndrdlich von Haifa und nahe deralten Hafenstadt Akka ge/egen, gilt den Bahdials ihr heiligster Ort in der Welt.
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Das Auditorium im neu
errichteten Gebdudes des
lntemationalen
Lehrzentrums gibt
400 Personen Platz.
zentrum. Sie kommen aus der ganzen Welt und arbeiten in aller Regel für eine begrenzte Zeit in Haifa und den heiligen Bahá’í—Orten in der Umgebung. Sie engagieren sich ausschließlich für die Pflege der Heiligen Stdtten der Bahá’í und für die Arbeit der weltweiten Bahá’í—Gemeinde.
Die Stadtverwaltung von Haifa und die Regierung von Israel haben die Présenz des Bahá’í—Weltzentrums in ihrer Stadt bzw. ihrem Land willkommen geheißen und begrijBten insbesondere auch die neuesten Entwicklungen zu den Terrassengzirten und den Gebhuden am „Bogen“ des Karmel. Der Oberbfirgermeister V011 Haifa,Amram Mitzna, schrieb kijrzlich, Class die nun bald fertiggestellten Geirten und Terrassen um den Schrein des B511) „ein unvergessliches, atemberaubendes Panorama
bieten werdcn für £1116, die das Schime lieben“. I
„Feinde“ und „Monster“ — Das Weltsozialforum tat sich nicht nur mit der Wortwahl schwer
War „P0rt0 Alegre“ die „ Geburtsstunde einer
neuen globalen Bewegung“ gegen eine rein wirt schaftlzche Betrachtung von Globalisiemng? Hat
gar mit diesem VI/elttreflen sozlal engagierter
Nichtregiemngsorganisationen das neuejahrlum dert erst begonnen, wie Igmicio Ramonet in der
franzbszschen Zeitung Le Monde
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Diplomatique schrieb?
ERLIN.— Die großen B Themen aufdem Weltsozialforum, das Ends
januar im brasilianischen Bundesstaat Rio Grande do Sul abgehalten wurde, waren eine neue Weltwirtschaftsordnung, nachhaltigc Entwicklung, die Zukunft der Nationalstaaten und Global Governance.
In den mehr 2115 300 Arbeitsgruppen kamen zus'étzlich "so ziemlich alle Themen der Bijrgerbewegungen rund um den Globus“ vor, wie die ZEIT meinte: „von der Kontrolle schddlichcr Finanzspekulationen über Kinderarbeit und Menschenrechte bis hin zur R0116 der Psychoanalyse in Zeiten globalcr Mérkte“. Die
lluralitzit derThemen Spiegelte die Pluralitfit derTeilnehmer wider: die spannungsgeladene Bandbreite reichte von Sympathisanten lateinamerikanischer Guerillas über erklärte Globalisierungsgegner wie den französischen Bauernaktivist josé Bové, unabhängigen Menschenrechtlem bis hin zu Parteipolitikern vor allem der brasilianischen Arbeiterpartei (PT). Dieschielfalt wegen verzichteten die Veranstalter von vorn herein aufdieVerabschiedung einer gemeinsamen Resolution.
Ein Blick aufdic Teilnehmerliste des von brasilianischen
NGOS organisierten Forums
zeigt, dass vor 3116111 regic
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rungsunabh'éngige Organisationen Lateinamerikas die
Möglichkeit nutzten, wenn
schon nicht einen gemeinsamen Standpunkt zu einem rein
wirtschaftlich verstandenen
Zusammenwachsen der Welt
zu finden, so doch wenigstens
sich ihrer Identitfit in dem
Prozess der Globalisierung zu
vergewissern.
Nur wenige dautsche NGOs
Über die Hélfte der Giste, die sich Für die Konferenz in der katholischen Universitiit der sfidbrasilianischen Stadt Porto Alegre zuvor angemeldet batten, waren Sfidamerikaner, erst mit Abstand folgten die Europiier. Giste aus Afrika und Asien waren handverlesen. Martin Fohmann rechnete in der Wochenzeitung Freitag die tats'échliche Anzahl der Teilnehmer auf rund 10.000 Personen hoch, wovon aber zwei Drittel aus dem Land selbst gewesen seien.
Von deutscher Seite nahmen nur wenige NGOs teil, unter anderem die Menschenrechtsorganisation FIAN, aber auch der Politik— und Wirtschaftswissenschaftler Thomas Plfimper von der Universit'ét Konstanz sowie der Heidelberger Professor Friedrich Miiller, die zugleich einem Begleitprogramm des Goethe—Institutes zurVerfiigung standen.Weitaus besser waren scitens der Européicr Franzosen und Belgier vertreten.
Schaltkonferenz sollte Siid and Non! verbinden
Da sich das Treffen als Gegenveranstaltung zum zeitgleich stattfindendaneltwirtschaftsforum im schweizerischen Davos verstand, war der Ort desWeltsozialforums konsequent gewzihlt. Tagten die „DaV05—Menschen“ im Norden, versammelten sich deren Kritiker im Sfiden. Dennoch mochte man nicht ganz aufein ander verzichten. Eine eigens eingerichtete Schaltkonferenz sollte den bei den vorangegangenWeltkonferenzen begonnenen Dialog zwischen NGOs einerseits und den politischen und wirtschaftlichen global players andererseits fortführen.
Auch Davos beschiftigte sich mit der Überwindung von Armut
Thema in Davos war unter anderem die Frage, Wie man nach den gewaltsamen Protesten der Globalisierungsgegner in Seattle, Prag und Nizza mit diesen Protesten aufkiinftigen internationalen Konferenzen umgeht.Auch war die Armutsbekéimpfung, angestrengt nicht zuletzt durch UN—Generalsekreteir Kofi Annan, eine wichtige Frage.
Dass Themen wie die Mikrofinanzierung und andere Wege der Entwicklungsstrategien in Davos diskutiert wurden, zeigte die vorsichtige Offnung und Orientierungssuche des Davoser Gipfels. Die Schaltkonferenz sollte die Bereitschaft zum Dialog unterstreichen.
Beschlmpfungen und Drohungen
Dass alles ganz anders kam und das Weltsozialforum in seiner konkreten Organisationsform sich als Anachronismus in einer Zeit darstellen sollte, in
denen die unterschiedlichen Standpunkte schon laingst in großen, weltweiten Konferenzen miteinander und friedlich ausgetauscht warden, zeigte sich in den Minuten der Schaltkonferenz. Hebe d6 Bonafini, die Prisidentin der argentinischen Matter der Plaza de Mayo, verlor die Contenance und beschimpfte ihre Dialogpartner als „Feinde“ und „Monster“.
Aber auch Bernhard Cassen, Mitorganisator des Weltsozialforums und Redakteur von Le Monde Diplomatique, drohte „mit anderen Mitteln“, wenn es den „DavosMenschen“ nicht gelinge, unter anderem die Annullierung der tiffemlichen Schulden der DrittenWelt zu beschließen.
Unter diesen Umstiinden war auch in Porto Alegre Cine unvoreingenommene und. nicht-verletzende Diskussion unmöglich. Maude Barlow, kanadische Autorin und Direktorin des International Forum on Globalisation wurde hernach zitiert, dass die engagierten Basisdemokraten Viel zu gewinnen bitten, wenn es ihnen gelainge, ein globales Netzwerk zu errichten, doch hätten sie auch Viel zu verlieren. Ob in Porto Alegre nun eine neue globale Bewegung geboren wurde Oder sich alte Reflexe bestlitigten, ist noch nicht entschieden. Im kommendenjahr 2002 treffen sie sich wieder, in Porto Alegre. I
Porto Alegre, Brasilien
Das LogoFür das ncichste Weltsozialforum im Jahr 2002, das erneut in Porto Alegre, Brasilien, stattfinden soII.
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Blüten,
Henriette Echghi—Ghamsari (Foto unten) schufeinen Kontinente-Zyklus, wobei das Gemci/de, das Europa zugeoranet ist (Bild oben), von einerPusteb/ume
dominiert wird.
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EILENKIRCHEN Sie hockt aufder Erde
vor Geilenkirchens „Hans Basten“ und schreibt mit Kreide das Wort „Begegnungen“. Einmal, zweimal, immer Wieder. Vor ihr sitzen Menschen auf Sttihlen mit Kartons auf den defen, auf denen gcschrieben steht: „Neutral?“, „Total?“, „Global?“. Die Performance war cinAufruf innezuhaltcn, stehen zu bleibcn und sich mit der Kunst von Henriette EchghiGhamsari auseinanderzusetzen.
Die Kijnstlerin stellte in Geilenkirchen Bilder und Skulpturen aus unter dem Motto „Begegmung! Ncutr;1l?T0tal? Global?“. Viele Betrachter elkannten darin sogleich einen Appell Hit globales und vorurteilsloses Denken und Handeln. Mit Musik auf Flügel und Querfléjte und einer BegriiBung von Bürgermeister Franz Beemelmanns begann dicVernissage. Der Bürgermeister fi'eute sich, zahlreiche Kunstund Kulturfreunde begrfiBen zu können.
die Mnachdefiklich stimmen
Frage nach dem Sinn
In seiner Einfiihrung sagte Dr. Hans Latour, derVorsitzen(:16 C165 Kunstvereins „Canthe“ „Die Grundlagen der Arbeiten cnt aus Hfickelhoven:
springen einer intensiven und emotionalen Auseinandersetzung mit Themen, die in unserer schnelllebigen Zeit Vielfach verdréingt und vergessen werden. Das künstlerische Interesse gilt der malerischen Darstellung des Menschen und seines Umfclds. Die Werke zeigen Licht und Schatten, Gut und B686, und kreisen um die wiederkehrende Fragc nach dem Sinn.“
Die Kiinstlerin lebte neunjahre im
Geilenkirchener
Iran und heiratete dort. Sic hat sich fijr die Bahá’í-Religion entschieden, die sich für den Weltfrieden und für den liebevollen Umgang der Menschen miteinander einsetzt.
Mit breitem Pinselstrich trug Henriette Echghi die Grundfarben Für fiinfgroßformatige Kontinente—Zyklen auf. Darm fiigte sie fürjeden Erdteil eine Blfite hinzu. Fijr Europa etwa die Pusteblume, ein typisch europiiisches Gewichs, dessen Samen aufsteinigeWege fliegt, aber auch auf fruchtba
res Land. Blau ist die Pusteblume, leuchtend und klar.
Intensive Symbolik
Die Distel auf ockerfarbenem Grund steht für Afrika. Die rot—gelbe Pfingstrose ist Symbol für Asien, und Australiens Blume ist die Blaudistel auf erdfarbenem Grund. Fiir Amerika waihlte die Künstlerin eine blaue Lilie.Wunderschdne Blumen malte sie, doch schnell erblickt das Auge auch die Vielen menschlichen Gestalten, die sich als Blütenbliitter darstellen. Menschen, die die Blüte öffnen Oder verschließen, als verblijhte Blétter herabfallen Oder schon 21m Boden liegen.
Viele menschliche Körper hat Henriette Echghi in ihre Kontinente gemalt. Eine Arbeit von großcr Schönheit, die Zugleich nachdenklich stimmt. Auch farbige Skulpturen, aus Papier gefertigt, überraschen. Man muss sie wenden, um festzustellen, dass sie ein Innenleben aus Zeitungsdrucken haben. Und auch die Aquarelle und Acrylbilder, die den menschlichen Körper in seiner Vielschichtigkeit zeigen, beWeisen: eine Kiinstlerin von Format. I
Inge Robertz
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Gespmch mit Astronaut Claude Nicollier
Eine Welt, in der die Kluft zwischen arm und reich kleiner Wird
One Country: Wenn Sie durch das All reisen und auf unscren kltincn llaneten Erde hinuntcrschauen. welche Gedzmken gehen Ihnen so durch den Kept?
Nicollier: Ich bin immtr schr beeindruckt V011 dt‘l Schénhcit unscres Planeten... Tags, Nfichte,Wüsten, Berge, Scen,Wilder, Inseln,W01ken in {111611 Schattierungen, Sonnenauf— und Sonnenuntergiinge, all dies geht ineinander iibcr in der Stille.Es ist in derTat großartig. Manchmal, bei gcnaucrem Hinsehen bemcrkt man aber, Class diese Schénhcit bcdroht ist: man sieht Sthdte, die im Smog Vcrsinken, bcschmutzte Strandrcgionen. verbrannte Erde.
Wit müssen schr vorsichtig sein, wcnn wir nicht wollen, class diese Ansicht in fi'mfzig Jahren Überhandnimmt.
One Country: Wohl wissend, dass dort untcn die Menschen mit zahlrcichen Problemen 211 kiimpfcn haben. welChC
driingcndsten ansehen?
wiirdcn Sic als die
Nicollier: Die chrbevdlkerung, in Verbindung mit schlcchtcr Landnutzung ist in vielcn Liindem cin großes Problem. Sic führt zu hohen Stcrblichkeitsratcn, zu Fehlernlihrung. zu Seuchen Oder mindcstens beeintréchtigt sie die Lebensqualitiit. Dies alles Rihrt letztlich zu nicht zu unterschiitzcnden sozialen Spannungen.
One Country: Welche Rollo kann die Wisscnschaft zur L(Ssung der globalen Problems leisten?
Nicollier: Sofern die Wissenschaft rithtig angewandt \vird, kann sie hclfcn, die Landnutzung zu 165611.Wissenschafi 21151111111101] mit Erziehung k611ncn helfen, dds Problem der
chrbevblkerung in den Griff
zu bckonnnen.
One Country: Wie sehen Sic die Rollcjener Nationen, die vom tcchnischen Fortschritt ausgcschlossen sind?
Nicollier: Das Land richtig zu nutzen erfordert kein gro[568 tcchnischesWissen. Nationen, die keinen Zugang zu moderner Technologie besitzcn, können sehr wohl zur Lebensqualitlit auf dicsem llanctcn beitragen, vorausgcsetzt ihrc Regierungen unterstiitzcn dicA se Bemühungen Lmd gcbcn einer globalen und lungfristigcn Vision den Vorzug vor den 10kalen und kurzfi‘istigcn (?ewinnen.
One Country: W0 schen Sie die Herausfinderungcn und Gefnhren bci dem immcr griio Ber werden Grabcn zwischen den armen und den rcichen Nationen?
Nicollier: Dic Herausfbrderung liegt in der menschlichen Natur, wo die eigenen Intcressen 0ft mchr ziihlcn 315 die Interessen und das Wohlergehen dt‘l andercn. Natiirlich cxistitrcn auch in rcichen Na
tioncn Niichstenlicbe und AltrL1i3111Lls,jcdoc11 nicht in solv
chem M386. als dass dies geniigcn \vtirde. die Grüben zu
vcrklcincm. Dieser immcr griiUCI‘ wcrdtndc Graben kélmtc
sehr wohl und sehr bald die
mcnschlichc Gescllschuft
dcstabilisicren.
One Country:\X/ic miisstc dichlt ausschen, dic Sic gcrne Ihren zwei Téchtcrn und den Kindern diesechlt iibcrlassen 1116chtcn?
Nicollier: Eilchclt,i11 der dieser Graben zwischen Reich und Arm und die damit ZUS‘JIIF menhéngenden Nnchtcilc koiner ist, eine Welt. in der gcgcnseitiger Respekt Allgemeingut ist, und in wclchcr der Wills, andercn zu hclfbn, dominicrt. EinchltJn der die Mcnschen in einem gesunden und stabilen Gleichgcwicht mit der Umwelt lcbcn. I
CLAUDE NICOLL/ER, ESA Astronaut, geboren 2. September 1944 in Vevey, Schweiz. Stadium der Astrophysik an der Universitdt Cenf Swiss Air Force Kapita'n, Pilot und Testpilot. Inhaber zah/reicher Ehrenmedai/len und Preise. Professor und Ehrendoktor des Eidg. Technischen Instituts, Lausanne und der Universitdt Genf.
Claude Nicol/ier wurde 1978 durch die ESA (European Space Agency) als Mitglied der ersten europdischen Astronautengruppe ausgewdh/t und 1980 durch die NASA. Nico/liers Erfahrungen im All betragen insgesamt fiber 1000 Stunden inkl. 8 Stunden und1o Minuten Spaziergang im All: 1992 mit derAt/antis, 1993 mit der Endeavour {Reparaturam Hubble Space Telescope), 1996 mit der Columbia (wichtige wissenschaftliche Experimente) und 1999 mit der Discovery (/nstal/ieren von neuen Systemen am Hubble Space Telescope). Diese letzte Mission dauerte 24 Stunden und 33 Minuten. Dabei umrundeten Nico/lier und die Crew120ma/d1‘e Erde und legten 3.2 Millionen Mei/en in 191 Stunden und 11 Minuten zurueck.
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A15 0b Nadeln durch den Stoff
REZENSION
Asadu/Iah Allzad Years ofSi/ence Bahá’í in der Ud55R1938 1946 George Ronald Publishers
Oxford 1999
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r bat mich darum, mit ihm zu frijhstijcken. Er kochte heißes Wasser,
legte etwas Brot aufden Tisch und bot mir freudig das einzige Ei an, das er als Mahlzeit für jenen Tag hatte. A15 er das Ei vor mir hinngte und mich in wirklicher Liebe und Aufrichtigkeit dazu einlud, es zu essen, überkam mich ein unbeschreibliches Gefühl. ICh entfernte die Schale des Eies,tei1te es in zwei Hiilften, gab ihm die eine Hélfte und 38 die andere. Nie habe ich das innige Glijck, die Freude, das Gefühl von Geistigkeit und Nihe gespiirt, wie es anjenem Tag zwischen Gast und Gastgeber zu spijren war. Ich sah ihn nicht Wieder, da er einige Zeit nach unserem Treffen starb.“
Asadullah Alizad beschreibt hier seine letzte Begegnung mit Ali—Asak Uskui in einem sibirischen Straflager ehe sein Gastgeber an Tuberkulose sterben sollteAsadullah Alizads unpratentiése Lebensbeschreibung haben für die Nachweltjene Art von Opfer und Entbehrungen aufbewahrt, die die kleine Gemeinde von Bahá’í meist iranischer Abstammung erduldete, 2115 516 nach der Revolution 1917 in Russland blieb, mjt derAbsicht, die Prinzipien ihres Glaubens in einem selbst erwähltcn Land vorzuleben. ,Jahre der Stills“ ist einer der ersten veröffentlichten Berichte über die Erlebnisse der Bahá’í in der früheren Sowj etunion, sine bisher größtenteils unbekannte Epi sode religiöserVerfolgung. Asadullah Alizad beginnt mit der Beschreibung, wie ira nische Bahá’í vor der Revolution 1917 eine blühende Gemeinde im russischen Turkme nistan aufbauten. In der Stadt Ashgabat ziihlte die Gemeinde mehr 313 4.000 Gl'éubige, die dort das weltweit erste Bahá’í Haus der Andacht bauten. Sie unterhielten eine Grundschule und ein Krankenhaus. In ihrer lebhaften Gemeinde gab es Bibliotheken und gesellschaftliche Clubs.
Doch 1927 fingen die Schwierigkeiten an: Regierungsbeamte verriegelten wie bereits bei anderen Kitchen und Tempeln die Türen des Hauses der Andacht und gingen allmeihlich immer hätter gegen die Bahá’í vor.
Der schwerste Schlag kam im Februar 1938, 2115 in einer Nacht ungefeihr 80 miinnliche Bahá’í, darunter auch Asadullah Alizad, verhaftet wurden. Zunzichst wurden die meisten mit einer Reihe von Muslimen unter erschwerten Bedingungen in einem überfüllten Geflingnis festgehalten. Der Raum war etwa fiinf auf sieben Meter groß und hatte keine Fenster, beschreibt Asadullah Alizad jene Zelle, die für die nichsten 22 Monate scin Zuhause sein sollte.
Allmählich stieg die Zahl der Gefangenen in der Zelle, bis 65 95 waren und die Gefangenen gezwungen waren Kopf an Fuß zu schlafen. Als einzige Toilette diente ein offener 20—Liter—Tank, der sich jeden Tag schnell fällte. Asadullah Alizad erwahnt auch, Class in den 22 Monaten die Kleidung der Gefangenen kein einziges Mal gewechselt Oder gewaschen wurde.
Unter solchen Haftbedingungen mussten die Gefangenen hziufige Verhére, Schliige und Folter über sich ergehen lassen, womit man sie dazu bringen wollte,Erk1ärungen zu unterschreiben, in denen sic
hindurchgingen...
sich zu ihren „Verbrechen“ bekannten. Die Behérden hatten die Absicht, mit allen zurVerfiigung stehenden Mitteln eine Beweisakte gegen die Bahá’í zusammenzutragen, um sie als gegen die Regierung gerichtete Bewegung hinstellen zu können.
Ende 1939 kamen Viele Gefangene frei, aber nur um sic in Arbeitslager nach Sibirien zu schicken.
Der erste Winter war der schlimmste. Die Verbannten waren den niedrigen Temperaturen völlig unvorbereitet ausgesetzt. „Um unsere Füße zu schützen, trugen wir die gleichen Schuhe und BaumWollsocken, die Wir bei unserer Ankunft anhatten“, so Asadullah Alizad. „Als Wir auf dem weichen Schnee liefen, versanken unsere Schuhe darin, und als wir sie auszogen, waren sie mit Schnee gefiillt,
Sobald der Wind blies, hatte man das Gefühl, als ob Nadeln durch den Stoffhindurchgingen.“
Die Bahá’í teilten das wenige, das sie hatten, 0b Nahrung Oder Kleidung. Sobald es keilter wurde, unternahmen sie praktische Schritte, um sich
gegenseitig zu helfen, schreibt
Asadu llah Alizad.
Asadullah Alizad verbrachte etwa fijnfjahre in Sibirien und wurde 1946 in den Iran ausgewiesen. GrdBtenteils portriitiert das Buch Mitgefangene anhand von kurzen Berichten dartiber, Wie es ihnen unter den schwierigen Bedingungen erging. Die vollständige Geschichte handelt davon, wie Zusammenarbeit und Selbstlosigkeit angesichts extremer Entbehrungen das Beste aus der menschlichen Seele herVorbringen können. I