Die Geschichte der Bahai-Bewegung (1919)/Text
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Die Gefchichte Bahni-Bewegung
Ein univerjaler Glaube von Sidney Sprague. Aus dem Englifcyen überjegt von Wilhelm Herrigel.
„Die Bahai haben kein anderes Ziel als die Wohlfahrt und Belferung der Welt und die Reinigung der Nationen.“
Dritte Auflage.
Stuttgart Verlag des Deutihen Bahai- Bundes ©. m. b. 9. 1919.
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Anmerkung des Üeberjeßers:
Diefes Büchlein enthält nur einen kurzen Ueberblick über die Entwicklung der Bahai-Bemwegung. Die eingehende Gejchichte derjelben ift in dem Bud: „Gejhichte und Wahrheitsbemweile der Ba bai-Religion“ von Mirza Abul Fazl, deutjh von Wilh. Herrigel
Druck von Wilhelm Heppeler, Stuttgart
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„Breis fei Gott, daß die Sade Gottes in Ddielem
Bahai- Zeitalter eine folhe der abjoluten Liebe und reinen
Geiftigfeit ift. Sie ilt nit vom Reihe Ddiefer Welt,
denn fie ilt nicht Krieg und Elend, noch die Unterdrüdung eines Volfes durd ein anderes. Ihre Armee it
die Liebe zu Gott; ihr Sieg it die Begeilterung für.
die Erkenntnis Gottes; ihre Schladht gilt der Wahrheit
der Auslegung des Mortes; ihr Kampf geht gegen
die Gelbitfudt; ihre NReferve it die Geduld; ihre
liegende Madt it die Sanftmut, und ihr Ruhm it
die Liebe für alle. Mit einem Wort, fie it Geilt und
Liebe.
Es liegt an uns zu erwägen, wie wir die Menfchen erziehen wollen, dak die Finiternis der Unwilienheit und Adtlofigkeit verfhwinde und die Strahlen von dem Königreihe Gottes die Melt umgeben mögen, daß die Nationen erlöit werden von felbitfühtigem Ehrgeiz und Streit und dab fie wiederbelebt werden durh die Düfte Gottes, dab Feindihaft und Haß zeritreut werden und gänzlid verfhwinden, während die anziehende Madt der Liebe Gottes die Herzen der Menic;en To voll. fommen einigt, daß ie alle jichlagen wie. ein einziges Herz; daß Streit und Arieg durdaus verfhwinden mögen, während Friede und PVerjöhnung ihre Fahnen inmitten der Erde erheben und die Menichen einander berzlih lieben, dab die geiltigen Freuden vorherrfchen
mögen über die materiellen Vergnügen, dab Dit und Weit fih aneinander erfreuen mögen wie Liebende und Nord und Süd einander in treuer Liebe umarmen; daß dte Fichte bare Welt der Spiegel von der Melt des himmlischen Königreidhes werde, dab das Bild der allerhöhiten Heer-Iharen in allen Verfammlungen der Menihen wiedergefpiegelt werde; daß die Erde verändert werden möge in das Paradies des Glorreihen und das göttlihe Ierufalem die ganze Erde umfalfe.“
Dies find Worte eines groben Lehrers, eines_Perjers von, Geburt, eines DVerbannten von Jeinem Vater-Iande und eines ehemaligen Gefangenen der türfiihen Regierung in der fleinen befeitigten Stadt Acre oder Afta, in der Nähe des Berges Karmel, an der Külte Spriens, eines Mannes, weldyer über vierzig Sabre u 8 verfolgt und verworfen. wurde, der die Leiden und Entbehrungen des Gefängnislebens erduldete, von deilen Lippen aber dennod vor furzem_ diefe triumpbierenden Worte des Briedens und der Breude ertönten, Haben Diele feine Bedeutung für den Weiten? Das Leben und die Lehre diefes Mannes, der jegt wenige Meilen von Nazateth entfernt Iebt*) haben eine überaus anregende Wirtung im Orient. Zakt uns jehen, ob_fie nicht aud_auf die Nationen des MWeltens anwendbar jind. In der Tat, diejer Lehrer richtet feinen Appell für religiöie Einigkeit niht nur an die Nationen des Ditens, jondern ebenfo an die Völfer des MWeitens, und it religiöfe Einigkeit im Weiten nicht ebenfo notwendig, wie im Diten? Dan jagt, dab es heutzutage unter den verjchiedenen Kirchen
- ) Unmerfung des Ueberjegers: Dur die allgemeine Anneftie, melde der Gultan gelegentlich der Ginfegun einer
KRonftitution im Jahre 1909 erließ, wurde auch er in Freiheit gejegt, worauf er Haifa alg Wohnfig ermäßlte.
Meiten mehr Gehäfligkeit und Bitterfeit gebe, denn ie zuvor. Mie fönnen jolhe Spaltungen geheilt werden?
Wir wollen uns für einen Uugenblid nad Indien wenden und jehen, was die Bahai-Bewegung bo:t in einer jehr furzen Zeit vollbradt hat. Als ih vor einem Jahr in der Stadt Rangun weilte, befuchte ic) eine Bahai-Verfammlung, in welder Repräjentanten von jehs der gröhten Weltreligionen beieinander verfammelt waren; fie waren geeinigt dur ein wundervolles Band der Yreundhaft und Einigkeit. Diejfe VBeriammlung war haudtlählic zufammengejett von Männern reifen Alters,, Öelehrten, Gefeßgebern, Regierungsbeamten ujw,, welde ersogen waren als jtrenge Mohammedaner, Buddhilten, Hindus, Juden, Zoroajtrier und Chrilten; dennod) verhandelten fie hier miteinander.
‚Wenn diefer Bahai-Geilt der Liebe und Duldfamteit, wie er von dem Meilter in Alla gelehrt wird, in Indien fo durchdringen und Menden von bisher einander feindih gegenüberjtchenden Religionen jo vereinigen Tamı, vermag er dann nidt aud Teinen wohltuenden Einflub über die Bewohner des Weitens auszuüben? Um zu iehen, was die Bahai-Bewegung vollbradt hat, ijt es aber nicht nötig, nah Indien zu gehen. In der Stadt Baris hat fie in der Tat fhon Katholiten, Proteitanten, Sreidenfer und Juden geeinigt.
Die ea. beanfvrudt, das röttlide Werkzeug zu fein, um religiöfe Einigkeit in die LBelt zu bringen, und jhon aus dielem Grund — wenn nicht um eines andern willen — verdient jie Beadhtung. Ihr Anlprudh ilt zu wichtig und von zu weitgehender Bedeutung, um beijeite gefeßt zu werden; die lange Lilte ihrer Märtprer, das wundervolle Leben ihrer Gründer, ihr erneuernder Einflub_in PBerlien, die Tatjade, dab Leute beinahe aller Rafien, Betenntnilfe und Selten von ihr angezogen wurden, und endlich ihr Sortihritt im Weiten, dies alles erregt, wenn nicht Bewunderung, jo dod wenigitens Intereffe.
Die Entitehung einer großen religiöfen Bewegung follte nit unbeadhtet übergangen werden. Wer hätte in den früheiten Tagen des Chriltentums, als feine lebendigen Lehren von Liebe und Einigfeit — welche jest To
fehr aus dem Gefichtsfreis verloren aingen — mit To großer Kraft und Schönheit gelehrt wurden, gedadıt, daß es wenige Sahrhunberte Ipäter fo mädtig auf die Melt einwirfen würde? In umlerem Studium der Bahai-Bewegung werden wir manche aufjallenden Punkte finden, LaeDe der früheiten Bewegung des Chriitentums ähnlich ind.
Lakt mid nun fo furz als möglid einige Merfmale diefer neuen religiöfen Bewegung, befannt als die Bahaibewegung, erflären und bartun, was fie vollbrat hat und heute noch in der Welt vollbringt, und damit einige Berichte verbinden über ihren gegenwärtigen Führer U bdul Baba und jeine Boticait.
Um die Stellung Abdul Bahas in bezug auf_diele Bewegung zu veritehen, muB id auf den großen Gründer_ biejer zanun Baba’o’Ilah und feinen Borläufer, den Bab, verweilen.
Bei der Erwähnung des Bab mögen jid mande einbilden, der Babismus und die Bahai-Bewegung feien ein und basjelbe. Dies it jedod niht Jo; Die leßtere iit wohl aus dem erjteren hervorgegangen, unterideidet ER aber von diefem in manden wejentlihen PBuntten. Dies fann man leicht dadurd entdeden, da man entweder die jrüheite Geihichte des Babismus Itudiert und fie mit der gegenwärtigen Bewegung, befannt als die Bahai-Bewegung, vergleicht. oder dadurd, dab man die Schriften des Bab lieit und zwilden ihnen und denen von Baha’o’Mlah — von dem die gegenwärtige Bewegung ihren Namen bat — einen Bergleid) zieht.
Menn wir die zwei vergleihen, Tönnen wir die aujfallende Wehnlidhfeit_ bemerfen, weldhe fie mit der Ge-Ihichte des Neuen Teftaments haben. Wir willen, dab die religiöfe Bewegung, welde Johannes der Täufer einführte, materiell verfdieden war von ber, welde burh Sejus begonnen wurde. Objihon Iohannes der Täufer Hlare Lehren und einen gewillen Modus für das Leben jeiner ge gab, jo war Dod) fein eans Aniprud) der, „Die Stimme eines Predigers in der Wülte zu fein, welde dem, der größer ilt, den Weg bereite‘. Genau jo war es mit dem jungen Berfer, Sera Bab, welder leinen Nadiolgern gewilfe Regeln in dem Bud, befannt
als der „Benan“ niederjährieb, gleichzeitig verkündete er aber fortwährend, dab er der Herold eines Gröberen ei, weldher nad ihm fommen werde, und daß er in betändiger Erwartung von dem jei, „welchen Gott offenbaren werbe.“
Der Bab hat in der Tat eine große Reform eingeführt, aber diefe Bewegung blieb mehr oder weniger verfifh und mohammedaniih, und man fühlt es, dak lie hätte niemals univerfal werden fönnen. Es\blieb Baha’- v’/llah, welder nah dem Bab Tam, vorbehalten, Dieler Bewegung ihren wirkliden, weiten und umiverlalen Geilt zu & n, welden fie heute befitt.._
Als eine weitere Erläuterung will ich hier eine furze Skizze diefer Bewegung von ihrem Anfang an geben.
Im Sabre 1844 nad unferer Yeitrechnung, weldes übereinitimmt mit dem Jahr 1260 nad mohammedaniihdem Kalender, trat in Perlien ein junger Dann auf namens Mirza Ali Mohammed, welher jih „Bab“, d. h. das Tor nannte, durch weldes die Menihen zu der Erkenntnis der Wahrheit Gottes gelangen Tönnen.
Der Bab begann feine Miffion als „das Tor“ dadurd, dab er dem Volt das Beritändnis für die wirtlihen Wahrheiten ihrer eigenen Neligion öffnete, und Ah allen großen Propheten fam er nicht um zu zerören, fondern um zu erfüllen. Er fagte feinen mohammedaniihen Zuhörern nit, fie jeien all die vergangenen Sabre durd einen falihen Propheten betrogen worden, londern er Ihalt fie laut — wie es Sefus bei den Bha-. tildern tat — wegen ihrer Heudelei und ihrer Berdrehung der wahren Religion. Er erklärte ihnen aud die wahre Bedeutung ihrer Prophezeiungen und iHleberlieferungen, nad) welden ein Mahdi tommen werde. Ich will hier feine eigenen Worte anführen: „In den vergangenen Zeiten ließ Gott, jo oft es nötig war, einen Propheten auf der Erde asliehen, welder ein Buh Ihrieb, das die güttlien Offenbarungen enthielt, und er wird in Zufunft dasjelbe tun, fo oft es nötig it.“
Den Worten des Bab wurd natürlih von den mobammedaniihen Phariläern mit Spott und Hohn begegnet, und er hatte Beleidigungen und Berfolgungen zu erdulden, welde mit jeiner Gefangennahme und feinem
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Tod endigten. Er wurde auf Befehl der. perlilhen Regierung auf einem öffentlihen Pla& in Täbris erhoffen.
Das Leben diejes jungen Reformators wurde nicht vergeblid) geopfert. Während einer Lebenszeit hatte ji) eine große Anzahl erniter Männer und rauen in feiner Sade verbunden und verbreiteien die Lehren fleihig über ganz Perfien, jo dab die Bewegung bald eine jolhe Aus-Dehnung befam, dab Die perliihe Regierung und bie Mullas (Geiltlihen) beunruhigt wurden und an eine ernithaite Bedrohung der Herrihaft des Islam dadıten; fie glaubten, dab Ddiefe Bewegung jowohl eine politilche, als eine religiöfe Bedeutung habe.
Es wurden Befehle gegeben, die Nahfolger des Bab zu plündern und zu verfolgen, und während diefer dunklen Jahre gaben viele Taufende ihr Leben hin und erduldeten die Ihlimmiten Torturen für ihren Glauben. Man it verjudt, bei Ddiefen Sa Ereigniljen der frübeiten Tage diejer Bewegung länger zu verweilen, aber_ der Raum diejer Schrift gejtattet mir nit mehr als eine Fur Anfpielung auf diejelben. Es follte aber fein Bericht gegeben werden, ohne den Namen der Kurrat ul-Ayır zu erwähnen; dieje bemerfenswerte Heldin wurde die Seanne d’Arc ihres Landes und ihrer Zeit genannt. Sie war die Todter eines führenden Ullemas im Islam, eine Yrau von Bildung und Stand, befannt als eine PBoetin, Philolopbin, Spradfundige und Theologin; fie wurde bald zu der neuen Bewegung befehrt, dann verlieh fie ihr Heim und teilte in Perjien umher, wo fie viele zu dem neuen Glauben befehrte. Zulegt wurde fie von den aufge braten Mohammedanern ergriffen und greulid)_ zu Tode gemartert. Dieje edle Frau hat durd ihren großen Mut ihren Schweitern im Orient den Weg bereitet; eine neue Uera begann für die Frauen, denn jowohl der Bab als aud) Baha’o’lah predigten die Befreiung der Frauen.
. As ein Vermädtnis hat der Bab feinen Nadhfolgern eine Ihöne poffmung binterfajfen, nämlih die, daß „Der, welden Gott offenbaren werde‘, fommen und das, was er unvollfommen begonnen, vervollitändigen werde.“
Mehrere Jahre nah dem Tod des Bab, etwa ums Sahr 1850, jhien es, als ob die Bewegung einen ehr unfideren Stand hätte; fie itand in einem ichlehten Ruf
bei der perfiihen Regierung, und beinahe alle PVerfer von Reihtum und Stand jahen mit Beradtung auf fie herab; ihre Anhänger fonnten nur heimlid zulammentommen, und feiner durfte es wagen, den werhakten Namen „Babi“ auszufpredhen; eine Zeitlang hatte es in der Tat den Anichein, als ob die Mullas mit der gänzlihen Ausrottung Diejes jungen Glaubens Erfola hätten. Das Kommen des Verheibenen war nun jehr notwendig, um die Bewegung vor dem Erlöjhen zu bewahren und um den Eifer und den Mut der verfolgten Babis wieder herzultellen. Sie wurden nicht enttäuiht in ihrer Hoffnung, denn anfangs der jedhziger Jahre erhob ji einer, deifen große PVerlönlihteit die wundervolle Macht feiner Worte und injpirierten Schriften bewiejen, dab er die Manifeltation jei, auf welde die Nadfolger des Bab warteten, und als Baha’o’llah erklärte, dab er der Berheikene ei, dejfen Kommen der Bab vorausjagte, begrükten ihn im der Tat die Mehrzahl _der Babis mit Freuden als ihren Herrn und Erlöjer. Es ilt wahr, daß es — fogar in Baha’o’llahs Bamilie — nod einige abweichende Stimmen gab, welde mit den Lehren des Bab zufrieden waren und nicht über diefe hinausgehen wollten. Diefe fammelten fih um Subh-i-&zel, letterer hatte aber nie viele Anhänger, und nur wenige von ihnen find übriggeblieben, jo dab der Weigerung, die Lehren Baha’ o’lahs anzunehmen, niht wohl der Name „Kirhenfpaltung“ beigelegt werden Tann. Die Bewegung hat fowohl diefe kleinen Mühjale als aud eine andere neue überlebt, aber ihre Einigfeit blieb ungelhwädt, fie bat ji triumphierend über Diele a erhoben und der Welt gezeigt, dab fie die Einigkeit, welde fie lehrt, aud be wahren Tann.
aha’o’Ilah war geboren im Jahre 1817 und jtammte von einer reihen und vornehmen Yamiliee Schon als junger Mann wurde er ein Anhänger des Bab, obgleih er ihn nie gejehen hatte. Der Umitand, dab er! ein hervorragender Lehrer diejes neuen Glaubens war, führte zu feiner Gefangennahme in Teheran. Eine Zeitlang wurde er mit einigen andern mit Ketten zulammengei&lofien, zulegt wurde jein Neichtum eingezogen und er fjelbit nah der Stadt Bagdad in der Türkei verbannt. Auch da fuhr er fort, das Bolf zu lehren,
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und fein Einfluß über dasfelbe war jehr groß. Während der Dauer von zwei Jahren z30g er ih in ber Nähe von Bagdad in die Berge zurüd, wo er einfam lebte und feine Zeit im Gebet und in Betrahtungen zubradite,. Als er wieder zurüdfehrte, verfündigte er jeine Miflion öffentlih; diejelbe beitand in der Auftihtung des Friedens und der religiöfen Einigkeit in der Welt. Er forderte die Menjhen aller Glaubensbetenntniffe und Raffen auf, unter die Sahne der Einigteit, weldhe er aufgerichtet hatte, zu fommen, und ihm bei der Erridtung des Königreihes Gottes und Der Brüderihaft der Menden auf Erden behilflich E fein. Die mohammedaniihen Mullas wurden dadurd, dab jie eine old gejährlihe Perjönlikeit in ihrer Mitte hatten, bald beunruhigt und baten die Dtiomanilde Regierung, dab fie ihn wegihaffen möge. Baha’o’Illah wurde demgemäß nad NKonltantinopel vorgeladen und verließ, zulammen mit feiner Yamilte und einer fleinen Anzahl feiner Nahfolger, die Stadt. Sein Verweilen in Konitantinopel war furs, denn die türliihe Regierung entihied, daß er nad der Stadt Adrianopel verbannt werden Toll. Bon Wodrianopel aus Ihrieb Baha’o’Ilah iene befannten Briefe an die Könige Europas und an den Bapit; in denjelben forderte er fie auf, ihre Ungereihtigleit und ihre Kriegsgedanten nn und ihm bei Errihtung non Einigkeit beizujtehen. Diefe Briefe enthielten aud Propbezeiungen, melde bald darauf in Erfüllung gingen. Nahdem er einige Jahre dort war, wurde er wieder verbannt, und zwar diesmal an einen weniger augängliden Drt, nad der fleinen befeitigten Stadt Acre oder Alfa an der Küjte Syriens. Hier verlebte Baha’o’llah und feine fleine Schar von Nadhfolgern die Ihlimmiten Jahre ihrer Verbannung, denn Alfa Tann nur als ein überaus ungefunder Bla& bezeichnet werden, und es dien zwedmähig, ihn dorthin zu verbannen, denn fie hofiten, dab ein Wieber ihn bald hinwegraffen und jo die Welt von ihm befreit würde. Er war mit leinen Nachfolgern längere Zeit auf zwei Räume in ben Baraden beihränkt, aber allmählih wurde ihm mehr Milde zuteil, das Herz des Gouverneurs wurde erweidht beim Anblid der heldenhaften Leiden diefer fleinen Schar.
In Alla verwandte Baha’o’Ilah feine Zeit auf
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die Belehrung iemer wenigen Nadjfolger, welhe um ihn fein fonnten, aufs Schreiben feiner YUnterweilungen und Ermahnungen an die Welt, auf die Ausfendung von Semodichreiben an die Nadfolger in den verihiedenen Teilen der Welt und aufs Schreiben eines Budhes, befannt als ; Das Buch des Gefekes.
In diefem Buche fagt er jeinen Nahfolgern, dab das Schwert für immer, beifeite gelegt werden mülle; an feiner Stelle müjle jih das Wort erheben. Er verfündigt univerfalen Frieden und fordert alle Nationen auf, ihre Meinungsverihiedenheiten durd ein Schiedsgericht beizulegen. Er tritt dafür ein, daß allen Bölfern der Erde ein weiter Geilt der Sreundihaft und Duldfamfeit erzeigt werden foll und drüdt fid) jo Ihön aus indem er lagt: „hr feid alle die Früchte eines Baumes, die Blätter eines Jweiges, die Vögel eines Rofengartens, die Tropfen eines Meeres, die Perlen einer Gee.“ Er empfiehlt feinen Nadjfolgern, nah einer univerfalen Sprade zu Juden un jagt: „Wenn ihr fie gefunden habt, jo ilt fie das Mittel er Einigkeit und die größte Quelle des Einflangs und er Zivilifation; würdet ihr es nur einjehen! Lehret die Kinder in allen Schulen diefe allgemeine Spradye, damit die ganze Welt bald ein Land und eine Heimat werden möge.“ Den Eltern jagt er, dab fie ihre Kinder, jowohl Anaben als Mädhen, glei erziehen und ihnen die beite Erziehung, die fie ihnen verihaffen fönnen, zufommen lalfen jollen. Die Rinder der Armen müllen ersogen werden dur ein Konzilium, weldes in jeder Stadt PERIRN Bear oil; denn er geht davon aus, daB, foange die Unmwifienheit nicht ausgerottet it, fein wirfher Fortihritt erzielt werden Tann. Den Wert der Ersiehung prägt er feinen Nadfolgern nahdrüdliih ein und jagt unter anderem: „Wenn einer feinen eigenen Sohn oder den Sohn eines andern erzieht, jo it es getade, als ob er den Sohn Gottes erziehen würde.“
Alle müfien ein Handwerk, ein Gewerbe oder einen Beruf erlernen und ihn ausüben, und wenn diefer Beruf gewillenhaft und fleikig ausgeübt wird, jo wird dies bei Gott als der hödjite Utt des Gebets und der DVerehrung betradtei werben. Sih Willenihaft und Kunit
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zu erwerben wird ebenfalls empfohlen. Die Ehe it er-‚wünlht und awangsweile Ehelojigkeit verdammt. Baha’- o’lah wünldht, dab feine Religion eine foihe der Freude und der Wröhlichteit fein foll. Er fagte feinen, Nadfolgern, dab fie mit allen Völkern der Melt Verbindung Iuhen und ihnen zeigen follen, was fie Gutes haben. Sie follen wohl in der Welt, aber nit von der Welt fein. Das Spielen, den Gebraud) von Opium, die Ummäßigfeit und andere Laiter verdammt er jtreng, aud) ihrieb er einige intereflante bygieniihe_Gejete. Baba’ o’Iah unterbireitet uns dies Bud des Gefeßes als eine multerhafte Regel der Führung und als ein Mittel zur Einigung der verfhiedenen Völfer, welche durd die vielerlei Gebräude, Vorurteile und Zuitände fo ehr getrennt wurden. Wir fönnen nicht anders, als den bemerfenswerten duldfamen Geilt bewundern, welder Diele Gefeße belebt. Alles, was heute von den Reformatoren des Meitens angeitrebt wird, findet einen Plat in diefer univerfalen Religion, und dod, wurden diefe Gejete durch Baha’o’llah jhon vor über vierzig Iahren geihrieben, als er nod in einem orientaliihen Gefängnis einge terfert war.
Nun erhebt fi die Zrage, bringen die Bahat zur. Ausführung, was diefe Gefege von ihnen verlangen? Sind jie beiebt von demjelben Geilt der Duldjfamteit und des Wohlwollens, welder durch diefe Vorfhriften atmet? Ich jelbjt Tann von dem Leben und von der vraftiihen Betätigung der Bahai-Lehre durd ihre Anhänger mein perjönlides Zeugnis ablegen, denn ih babe diefelben in den verihiedenen Teilen des Orients gefehen, und mit Dem Bueiaist verbindet ji das Zeugnis anderer Männer, nämlid das eines Engländers, eines Amerifaners und eines Yranzofen.
PVrofefior Browne von Cambridge, der Verfaller der unlhäsbaren „Geihichte der perliihen Literatur“ fagt: „Der Geiit, welder die Bahati, durhdringt, ilt ein derartiger, dem eine mächtige Einwirkung faum fehlen dürfte, und der alles jeinem Einfluß unterwerfen wird. Diejenigen, welde feine eigenen Beobahtungen gemadt haben, mögen vielleiht meine Worte bezweifeln; jollte lid ihnen aber einmal diefer Geiit jelbit offenbaren, dann werden
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fie eine Gemütsbewegung an fi erfahren, die fie nicht jo leiht mehr vergejien werden.“ \
Myron 9. Phelps von New York jhreibt: „Wenn wir den Geilt, welher die Bahai durhdringt, prüfen, wenn wir das zu ergründen juchen, was fie vor andern Menfhen auszeichnet, jo werden wir zu dem Schluß fommen, dab ihr Wejen mit dem einen Wort „Liebe“ ausgedrüdt werden Tann. Diefe Leute lieben einander, fie lieben Gott, ihren Meilter und Lehrer, fie lieben alle Menjchen.“ E
Dr. juris Hippolyte Drenfus von Baris, welder fürzli von Perlien zurüdtehrte, jchrieb in einer fran-;öflihen Zeitihriit, daß er gefunden habe, daß alle von liberalen und fortichrittlihen Anlihien durhdrun-De Bewohner Teherans und anderer Städte, Bahai ind.
Labt mid nun nod etwas über diejenigen Bahai jagen, die der_engliihen Negierung unterworfen Tind, den Bahai in Indien und Birma, weldye ih bei meinem fürzlihen Verweilen in Indien gut fennen lernte. Jede ernitdentende Perjon, weldhe Indien befuht und von guten Wünfhen für diejes herrlihe Land bejeelt ilt, muB Die unglüdfeligen Unterfchiede bedauern, welde Indien von Indien trennen und an welden hauvtlählid die religiöfen Erbitterungen |huldig find. Wie jehnt man fih da nad einer Löjung diejes Ihwierigen Vroblems. Ach, wenn nur ein großer Glaube gegründet werden fönnte, der all die jtreitenden und fi feindlidh gegenüberitehenden Seften in fi, vereinigen würde! Nun, id glaube ernitlih, dak die Löfung diefer Schwierigkeiten der Bahai-Bewegung gelingt. Ih habe Ihon, ein Beilpiel angeführt von Rangun, nad welhem fie jene große Einigfeit zujtande gebradt hat, welhe alle erjehnen. Wie war lie fähig, dies zu tun?
Das erite Gebot, das den Bahai von ihrem ührer gegeben wurde, it: „VBelämpfet oder verunglimpfet feine Religion.“ Er jagt ferner: „Gott it für jedes menidide Welen nur jo groß, als es ihm die individuelle geiltige Fähigkeit erlaubt, ihn zu jehen.“
Der Bahai-Lehrer in Indien bat nicht mit denjelben Schwierigfeiten zu fämpfen wie der riltlihe Millionar, nämlidy mit der des Niederreißens; feine Pflicht tit
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nur, auf dem aufzubauen, das Ihon da it. Denn der Bahai lehrt, daß das Wejen und die Mahrheiten aller Religionen eins \ind; er fieht den Hindu, den Buddhilten und den Mohammedaner mit denjelben Augen an und ehrt die ‘Propheten eines jeden; anitait zu zeigen, wo dieje Unredt hatten, zeigt er ihnen, wo jie Recht hatten, er anerfennt die allgemeine Wahrheit im Buddhismus, Mohammedanismus, im Chriltentum und in anderen Religionen; er zeigt ihren Anhängern, daß Ddurdy die Lehren Baha’o’llahs eine weitere Offenbarung gelommen it, daß ihre bejondere Miljion die it, die MWahrheit aller Religionen dadurch aufzudeden, daß die Menichen von Unwillenbeit und Vorurteilen befreit und in Gedanten, Glaube und Liebe geeinigt werden. Der Bahai mibadtet die Prophezeiungen anderer Religionen nicht, londern weilt Darauf hin, dab fi alle auf das Kommen eines großen Lehrers beziehen, weldher Zriede und Harmonie auf Erden gründen werde.
Labt mid bei diejer Gelegenheit einige Worte über Prophezeiungen jagen. Id weiß, dab es viele gibt, welche fi für diejes Thema nicht inlereilieren, wir müfien aber bedenten, dab es Prophezeiungen in jeder Religion gibt und dab mit ihnen zu rechnen it. Wenn wir eine univerfale Bewegung in Betradht zu ziehen hätten, welche nur aus wenig gebildeten Menihen beitände, fo fönnten vielleiht Prophezeiungen ganz außer aht gelaffen werden, aber dem it nicht fo; wir denken an die Millionen von Chrilten, Buddhilten, Mohammedaner und andere, die alle an Prophezeiungen glauben. Wenn eine Bewegung die Vrophezeiungen und Erwartungen diefer vericiedenen Nationen nicht erfüllen tann, dann wird es ihr aud) nit. gelingen, univerjal zu fein, es wird nur eine andere Gelte aus ihr werden. Die Tatjahe, dab der Bahai-Glaube die Prophezeiungen der verfdiedenen Ne= ligionen erfüllt, it einer der grökten Beweile zuguniten feiner Allgemeinheit. Ein anderer Yaltor in der Ausbreitung des Bahai-Ölaubens im Diten iit — wie jhon er= wähnt — der wundervolle Geilt, welder die Bahai befeelt, und welcher bezeugt wird in ihrem felbitaufopfernden Leben. € R
Einer der Gründe, warum das Chriltentum nicht die vorherrfhende Religion im DOften geworden ilt, it
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der, dab man im Diten ein allgemeines Vorurteil nepen
dasfelbe hat ‚und dies wurde verfdhuldet durd; die Faliche
rien 3 jeines_ wahren Geiltes. In einem fürzlid erihienenen Artikel jagt Brofeflor Browne: „Im Vergleid)
zu dem beinahe vollitändigen Miblingen ihrer eigenen
Bemühungen habe ich oft Kriltlie Prediger ihre DBerwunderung ausiprehen hören über die außerordentlichen
Erfolge der Bahai-Miffionare. Sie jagen: „Wie fommt
es, dab, die chriltlihe Lehre, die hödite und edelite,
welhe die Melt je gefannt hat — obgleich fie mit, allen
Hilfsmitteln der weitlihen Ziviliiation unterftübt wird —
ihre Befehrten in mohammedaniihen Ländern mit zwei
oder brei ‚zählen Tann, während die Bahai ihre nad
Zaufenden‘ reinen dürfen?“ Die Antwort it mir fo
flar wie die Sonne am Mittag. Das weitlihe Chriltentum it zum Teil mehr weitlid, als Hritlid, mehr nationaler als allgemein religiöfer Natur und dadurd, dak
lie Meinungen zulajfen, die mit der reinen Lehre CHriltt
unvereinbar find, wie 3... die Theorie von der Leberlegenheit der weihen Rafie und dergleichen, neigen fie ji
mebr oder weniger zur Parteilichleit. Gehörte Chrütus
Rn er Ya Raffe oder auh nur einer europäildhen
alfe an
‚ Die An a der [hwarzen Ralle, zu welden
die Sriftlichen iffionare gehen, find nit To töricht,
die Krütlihe Lehre, aud wenn fie von wohlmeinenden
Leuten verfündigt wird, anzunehmen, folange, fie willen,
‚dab mehr Gewicht auf die Ralje als a die Religion
gelegt wird. Die Infonfeauenz jener it ar. Denn ob«
gleich fie vorgeben, daß der Gott, den fie anbeten, in
der Geitalt und im Kleid eines altatiihen Mannes kam,
bringen fie nichtsdeltoweniger den Bewohnern AWfiens
gewohnheitsmäßig und initinftiv — fowohl in Worten als
in ihren Zanalangen — häufig Mikahtung era Ai
Bezüglih, der PVerdienite oder Nichtverdienite der Milfionare im Orient will ih in Teine fritiihe Beipre-Hung eintreten, ich bringe dies nur vor, um einigen Diefer erniten und jelbitaufopfernden Millionare, die id fenne, meinen Tribut zu sollen. Ic wundere mic aber, wie mande von ihnen wirklih an die MWahrjheinlichfeit oder Möglichkeit glauben mögen, dab bie vielen hundert Millionen Mohammebaner und andere, Chrüiten
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werden. Diejenigen, welde im Diten gelebt haben, willen, daß der Fall, in weldhem em Nohammedaner Ehriitt wird, ebenlo jelten it, wie der, in weldhem ein Ehrit im Weiten Mohammedaner wird. Mir müllen bedenfen, dab die Mohammedaner und andere ebenfo feit wie die Chrilten daran glauben, dak ihre Religion die porherrfhende werde; aber die Geidhichte widerlegt diefen Glauben. Als Beilpiel wollen wir die zwei größten Religionen, das Chritentum und ag Mohammedanismus, nehmen. Können wir nah all dem Eifer, dem Ernit und den Bemühungen, mit fih ihre Unhänger gegenfeitig zu befehren fuchten, jagen, dab fie fi in besug auf Einigkeit in den vergangenen 1300 Jahren näher gefommen jind? Bemerien wir unter den Millionen Buddhilten in der Welt duch; Uebergang in andere Religionen einen wahrnehnbaren Unterfchied in der Zahl? Und da die Buddhilten auch Befehrungen maden, fo ilt es nidts als ein fortwährender Tau, ohne der wirflihen Cinigung näher zu kommen.
Die ne Lage mödte id mit einer Pyramide vergleihen: eine Geite gehört den Chriiten, eine den Buddhilten, eine den Mohammedanern und eine den Hindus, Seder von ihnen verfucht, feinen Nachbar auf feine Seite der Pyramide zu ziehen. Wenn fie anitatt rundum zu hauen, aufwärts nad) dem Gipfel fehen wollten, dann würden lie das Licht, welches fie alle fudhen, erbliden.
Die große Schranfe, welde Chrilten, Mohammedaner, Budbdhilten und andere trennte, it endlih dur den Einfluß, der ne rn niedergerilfen und eine jreundlide, ja jogar eine brüderlihe Beziehung it unter ihnen hergeitellt worden. Es find nit nur einige Dußende, welde ih der Bahai-Bewegung aenähert haben, jondern viele Millionen. Können wir unter dieen Umjtänden nod en daß der wahre Geilt des Ehriltentums in diefer Bewegung it? Wir haben außerdem die Morte Chrilti: „Kann man audi Trauben fammeln von den Dornen?“ und „An ihren Srücten follt ihr fie erkennen“.
In meinem Buh: „Ein Iahr unter den Bahai in Indien“, deutih von WM. Herrigel, habe ich einen Zurzen Bericht über das Leben der Bahai in Indien geichrieben,
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und von diefem möchte ich bier einen Zwilchenfall anführen, welder fid) ereignete, jolange ih in Bomban weilte. Ih habe erwähnt, dab Baha’o’llah in, feinem „Buch des Gejeßes“‘ die Unweilung gibt, dab in jeder Bahai-Gemeinde ein Konzilium gewählt werden Toll, welhes nad den Angelegenheiten der Gemeinde Jieht. In Bombay haben fie ein Joldes Konzilium zufanımengelegt aus neunzehn Perjonen, es find hauptlählih Mohammedaner und Zoroaltrier. Diefe zwei Völter waren einander jeither nichts weniger denn freundidaftlid gefinnt, aber nun arbeiten ie barmoniid) zulammen jür das gemeinlame Gute. Als id eines Abends einer Giung diefes Konziliums beiwohnte, fam ein armer Bahairämer, ehemaliger Zoroaltrier, und erzählte den Mitgliedern, dab_fein Geihäft ehr Ichleht gehe und dah er vor dem Banferott Itehe. Das, Konzilium überlegte, was hier zu tun fei_und entihied, dab vericiedene der Mitglieder einen Teil ihrer Yeit darauf verwenden iollen, ihm in feinem Laden zu helfen, ein neues Warenlager beidaffen, und wenn nötig, ihn finanziell unteritügen follten. Dies geihah, und bald war der Dann wieder auf den Yüben. Ein foldes Beilpiel zeigt, daß die Bahai die Brüderlichkeit, welche fie predigen, aud) praftild betätigen. -
An einem andern Abend am ein Mohammedaner-Bahai in grober Berlegenheit in die Berfammlung. Er hatte foeben von einem mohammedaniihen &reund hundert Lotterielofe erhalten, weldhe er verkaufen follte. Der er dieler Lotterie war für eine _mohammedanilhe Wohltätigfeit beitimmt. Er jagte: „Ic weik nicht, was id; mit_diefen Lotterielofen anfangen joll. In dem Bud des Gejeges von Baha’o’llah it Spielen itreng verboten; ih bin nun nicht jidher, ob eine Lotterie unter dies Kapitel fällt oder nicht. Wenn ich nun diefe Lotterie-Iofe annehme und verkaufe, jo brede id mögliderweile eines der Geleße, weile ich fie aber zurüd, jo werde id) mir wahrjheinlid diejen meinen Sreund, welder ein jehr einflußreiher Mohammedaner it, zu meinem erbittertiten Feinde maden.“ Die neunzehn Mitglieder von dem „Haus der Geredtigkeit‘ — wie das Konzilium oder die Verfammlung genannt wird — fingen nun an zu beraten, was bier zu tun jei. Endlid; jah ein Zoroaiter-Mitglied
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einen Ausweg aus dieler Scähwierigfeit, er madte den
Borfhlag: Ieder Bahai foll ein Los nehmen, Diejelben
follen dann famt den daraus erzielten Hundert Rupinen zurüdgegeben und dazu aejhrieben werden, dab auf Gewinne
verzichtet wird, dab fie fi aber freuen, etwas zu einem
mohammedanifchen wohltätigen Zwed beitragen zu fün«- °
nen. Ih würde mid” wundern, wenn nicht alle Lefer
diefer Zeilen die Größe und Schönheit biejer. Handlungsweile zu würdigen wühten. Gie zeigt zwei grobe Re
jultate der BahaisLehre: aufs Spielen — eines ber
DREHEN ER Ralter im DOften — wird mit Abicheu ge
blidt; und das Gefühl der Erbitterung und des Safls
welhes die Zoroaitrier gegen die Mohammedaner jahrhundertelang unterhielten, wurde fo verändert, dab_ lie
froh waren, einer ar in Mohltätigfeits- Veranltaltung jörberlid jein zu Tönne + it wahrlid feine
geringe Heu am Bahai-Baum. . Ih wollte, es wäre
mir möglih, bier nod über le andere Bälle
edler und uneigennüßiger Beilpiele des Dienites für das
allgemeine Gute, welde in Indien zu meiner Kenntnis
gelangten, zu beridten.
Diefer Geilt der Liebe und des Dienites für feinen Nebenmenfhen wurde durh einen imdilhen Bahai in Mirklicteit bewiefen, indem er bei einer Gelegenheit fein ar für mid ließ, und „größere Liebe Tann nie ea haben, als daß er fein Leben läßt für feine Brü«- er
Ein perfilher Bahai jagte einmal zu mir: „AWls ich noch ein orthodoxer Mohammedaner war, pflegte ic immer meine Hände zu walhen, wenn ih einem Chriiten die Hand gereicht Hatte, denn ih dadıte, ich hätte mid a jegt möchte ich aller Welt die ‚ände ihütteln.“
Baha’o’lah im Jahr 1892 jitarb, hinterließ er Teie ar Jüngern die Weil rung, B« bab | Ir nad feinem Hingang aur feinen älteiten Sohn Effendi als ei Lehrer und Führer bliden jollen; e ei die aur beilen Schultern jein Mantel fallen werde, der Erflärer und Berbreiter feiner Lehren in der Welt. Abbas Effendi, welder nahher den Titel Abdul Baha, das heikt „Diener Gottes‘, annahm, it jeit 1892 Führer der Bahai- Bewegung, und unter feiner weilen Führung it fie ge wadjen und wurde ausgebreitet, bis ihr Einfluß an allen
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vier Enden der, Erde gefühlt wurde. Ich fah ein auffallendes Beifpiel davon, als id vor etlihen Jahren Alfa befudhte und da Männer begegnete von Indie
Birma, Berfien, Arabien, Aegypten, der Türkei, Nublan
Brankreid, England und Amerika, welhe da verfammel waren, um den Lehren des Meilters — wie Abdul Baha allgemein genannt wird — zu laufden.
Abdul Baha it mehr als ein Lehrer, er it den Dlen-Ihen ein lebendiges Beilpiel von dem, was das Chriltus-Leben wirflid it, Liebe und Freundlichkeit jtrahlen von ihm aus, und fein täglihes Leben it ein Ausdrud bes Dienftes für die Menihen. Er zeigt dem materialiltifhen und zweifelnden zwanzigiten Jahrhundert, dab diefes Le ben nit, bloß ein Ideal, jondern eine Möglichteit ilt, damit wir wieder Mut fallen und unfer Gefiht nad innen wenden mögen, um Gott in uns zu. finden, madtvoll, mädtig und allerhödit (Baha’o’llab), und damit a die Sohnihaft des KRönigreihes Gottes fommen möchten.
Es ilt Schon geleugnet worden, daß eine jolhe Berlönlihfeit wie Sejus auf Erden gelebt babe, Das Leben Abdul Baha’s beweilt die Wirklihfeit Iefu, Der wahre Bahai it aud der wahrite Chrült, er denkt nicht mehr länger darüber nad), ob es möglid war, dab ein lo vollfommenes Welen vor neunzehnhundert Jahren die Erde betreten hat; er fieht auf das Leben Abdul Baha’s und weiß es. Ein joldes Leben it eine Infpiration für die ganze menihlihe Kalle. Es it ein größerer Beweis für die Liebe Gottes und die Wahrheit der Religion, als alle Bücher, weldhe je in der alten und neuen Theologie geihrieben wurden. Die Menihen jind der Theo« rien und Spefulationen müde geworden, fie möchten wieder die Betonung der Liebe, der Selbitlofigteit und der Brüderlichteit hören, wie fie vor neunzehnhundert Jah-‘ ren gehört wurde. Eine folhe Note ertönt heute wieder von demjelben heiligen Land durd} den Diener Gottes, Abdul Baba, welder die Welt die vergejienen Wahrheiten lehrt, die wahre Berföhnung, die Verjöhnung des Men« Ihen mit den Menihen und mit Gott, predigt, und Die wahre Liebe, welde ein anderes Wort it für Dienit und das WAufgeben des Selbit für das Ganze, offenbart. Er lehrt die Einheit aller Religionen, und deshalb
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verherrliht er feine Lehre derart, da ihre Nidhtannahme eine Geele vom Himmelreih ausjhiießen würde. Er jagt:
„Alles andere, außer Liebe, jind nur oberflädhlid, geäußerte Worte.“ Er fagt ferner: „Dies ilt eine Religion der Taten und nicht der Worte,“ Er fordert Männer und Frauen aller Raijen und Befenntnilfe auf, unter Die Sahne der Einigkeit, welde er bohhält, zu kommen, und ihm bei der Errihtung des Königreihes Gottes und der Brüderihait der Menden auf Erden, hier und jett, behilflich, zu_fein. Labt diejenigen, weihe wirflih_wünihen, daß „Friede auf Erden und den Menichen ein Wohlsefallen“ regiere, und die nicht bloß den Triumph ihrer eigenen bejonderen Gefte, ihres Belenntnilies oder den ihrer eigenen Meinungen anjtreben, auf den Ruf Ddiefes Mannes, welder uns zur Einigteit ruft, hören. Können wir heute außerhalb der Bahai-Bewegung ein befieres Werkzeug finden, das diefe Einigkeit und Brüderihaft der Menihen, welde wir wünjdhen, zuitande bringt? Gie sibt dem Menden das, was einige Gchriftiteiler als das beite bezeichneten, was die Religion dem Ntenfcen geben Tann, nämlih: „em neues Herz“. Sie einigt die Menden auf dem sinaigen Weg, auf dem fie geeinigt werden fönnen, durh „Liebe, VBeritändnis und Dienit‘.
Wir fjehen fomit, dab die Botihaft der Bahai-Bewegung für die Welt eine jolde des Friedens it, und daß die Bahai diefe Manifejtation als eine weitere Uusgiebung der Wahrheit auf Erden betrachten; wir fehen, dab fie das Licht lieben, an welhem Horizont es aud) eiiheinen mag; fie betradten die verjhiedenen VBropheten und göttlihen Lehrer der DVergangenheit als Lichter, durd; welde dies Lit geihienen hat und durdy welches die Belt erleudhtet wurde, deshalb nehmen fie an, dab alle Religionen göttlih_jind, und dab fie das Mejen der Wahrheit beiigen. Aber dur Uberglauben und durd Ye zemonien, welde ihnen die Menichen hinzugefügt haben, wurden Jie bisher verdunfelt.
. Betradten wir die Madt der Umwandlung, welde die Bahair-Bewegung Da fen hat, ihr jhnelles Wadhstum unter jo verihiedenen Najien und Religionen, jowie das Band wirfliher Sympathie, der Liebe und des DBeritändnilfes, das zwilden dem Diten und Weiten geihaffen wurde, müljen wir da nidt jagen, dab ihr Aniprud,
eine univerfale Religion zu fein, ie bloß ein Phantom, fondern greifbare Wirklichkeit it?
Melder ernite Beobadter des Lebens Tann leugnen, daß heute in der Welt eine große N der Ge danken vor fid} gebt? Die a Ordnung der Dinge vergeht, ob wir es wünjhen oder nicht, die Menihen Juchen überall nah Wahrheit und werden durd) jeden Mind der Lehre umbhergeworfen. Bon Bedeutung für Die Kritit der neuen Theologie it, daß fi jo viele Gemeinmalen und Selten erheben, daß fih fo mande in protetantifhen Ländern dem Katholizismus zuwenden, und daß mande in Tatholiihen Ländern Proteitanten und Freidenfer werden. Dies Tommt vor unter hriltliher NRegierung; die gleihen Erhebungen fönnen wir aber aud in anderen Ländern finden. Was fommt dabei heraus? Es gibt viele, welde vor den Talten und uninmpatifchen Spitemen der Ethif, wie fie durch gewille Materialiiten aufgeltellt werden, zurüdihreden, und welde zur jelben Beit von den Extremen, zu welden gewilie Offuliiten neigen, zurüdgeitoken werden. Gie jühlen das Bedürfnis einer Religion, und dodh genügt ihnen das, was ihnen Die Kirche bietet, nicht mehr. Diefe Leute find es, an welde die Bahai-Bewegung ganz befonders appelliert. Eine Religion, welde die Arbeit, die Erziehung, die MWillenichaft und den Frieden fördert und erhebt, jollte an die Bofitiviiten, an die Ethiter und an die Sozialreformer appellieren. Während jie aber alle großen Spzialreformen unterjtüßt, verliert fie niemals den Belig der ewigen MWirklichleiten. Sie enthält die Geiltesfraft, den Iebendigen Glauben, welder notwendig it, diefe Beet durdzuführen. Eine jolde Religion, welde gan lid ge trennt it von dem Geilt der Gewinnjudt, und deren einiger Kampf gegen die Selbitiucht gerichtet ilt, muß an
alles, was das hödite und beite im Menfchen ift, appel-Beer.
„DO Nationen der Melt! Das Glaubensbefenntnis von Gott it Liebe und Einigkeit, madhet es nit zur Urjadhe des Mikllangs und der Uneinigfeit; ich empfehle eud, der Menfhheit und der Förderung des Friedens zu dienen.“
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„D Nationen der Welt! Das Zelt der Einigkeit ilt aufgerichtet, blidet nicht einer auf den andern als Fremde; denn ihr jeid alle die Früdte eines Baumes und die Blätter eines Zweiges.“
„Berherrliht werde nit der, der nur fein Paterland liebt, jondern der, der die ganze Welt Tiebt.‘“
(Worte von Baha’o’llah.)